Albanien

„An Wunden, die wehtun, will keiner rühren“

n-ost: Ihre Protagonistin Lodja wächst in einer sozialistischen Musterstadt auf. Von der Vergangenheit ihrer Familie weiß sie zunächst nichts. Sie spürt nur, dass sie und ihre Eltern von den anderen gemieden werden. Wie viel Biographisches steckt in dieser Figur?

Lindita Arapi: Das Mädchen Lodja Lemani erinnert mich an eine Vergangenheit, die ich selbst erlebt habe. Ich bin in der kommunistischen Zeit aufgewachsen, habe ähnliche Entbehrungen durchgemacht wie Lodja und bin dadurch stark geworden. Ich weiß, was es bedeutet, mit dem menschenunwürdigen Stempel „schwarze Biographie“ zu leben, diese „Andere“ zu sein. Wie es eben ist in einer Diktatur: Andersdenkende, Dissidenten, Kulaken-Familien werden kollektiv bestraft.

Wie Lodja sind Sie ins Ausland gegangen. Heute leben Sie in Bonn.
Dennoch spiegelt die Figur Lodja Lemani weniger mein persönliches Schicksal als vielmehr die Vergangenheit Albaniens. Ich habe mich lange damit beschäftigt. Das Thema war da, aber der Moment, es aufzuschreiben, war noch nicht gekommen. Ich denke, diese Distanz in Zeit und Raum war hilfreich, um eine Sprache dafür zu finden. Mir ging es darum, durch das Schreiben selbst besser zu verstehen.

Was ist eigentlich ein „Schlüsselmädchen“?
Es geht nicht um ein einzelnes Schlüsselmädchen! Es sind die Schlüsselmädchen: Frauen, Mütter und Großmütter verschiedener Generationen. Mädchen, um deren Hals ein Schlüssel hängt, sind bei uns ein Symbol des braven, gehorsamen Mädchens, das innerhalb des vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmens bleibt. Jeder Versuch auszubrechen könnte von den männlichen Instanzen wie Vater oder Bruder bestraft werden. Diese duldsamen, still leidenden, unterdrückten und dennoch starken und stolzen Frauen sind die Seele der albanischen Gesellschaft. Ich wollte eine Hymne auf diese Frauen schreiben.

Besonders deutlich wird das am Schicksal von Lodjas Großmutter Fatime. Lodja aber ist kein Opfer, sie ist eine Überlebende, die Fragen stellt und ihnen nachgeht. Würden Sie sagen, „Schlüsselmädchen“ ist ein Frauenroman?
Wenn Sie so wollen ja. Wir können ihn einen Frauenroman nennen, aber ich kann mit diesen Kategorisierungen nichts anfangen. Er ist auch ein Männerroman – denn die Männer sind Teil des Ganzen, im Guten wie im Schlechten. Diese Struktur hat ihre eigene Geschichte, der albanische Mann ist darin selbst ein Gefangener. Mit der Protagonistin Lodja wollte ich diesen fatalen Kreislauf durchbrechen. Sie entflieht dem Opfer-Dasein und findet die Möglichkeit, sich dem Leben zu öffnen.

Lodja gelingt es, sich über die Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte von der Vergangenheit zu befreien – sie wird so zu einer selbstbewussten jungen Frau. Welche Rolle spielt die Aufarbeitung der Diktatur in der albanischen Gesellschaft heute?
Sie spielt eine periphere, um nicht zu sagen fast gar keine Rolle. Die schwere Last der Vergangenheit einer Diktatur ist ziemlich verstörend für eine Gesellschaft wie die albanische, die überhaupt keine Erfahrung mit solchen Auseinandersetzungen hat. An Wunden, die noch wehtun, will anscheinend keiner rühren.

Sie schreiben: „Vergessen können erst die, die sich erinnern“.
Vorherrschend in Albanien heute ist leider das Vergessen, ohne dass man sich vorher der Erinnerung stellt. Wir können nicht ewig darüber sprechen, lautet der allgemeine Tenor. Erinnern? Wozu? Das würde das neue, komfortabel eingerichtete Leben der alten Eliten in Aufruhr bringen.

Aber Sie wurden 2011, ein Jahr nach Erscheinen Ihres Buches, in Albanien zur Schriftstellerin des Jahres gewählt.
Die positive Resonanz auf ein Buch bedeutet in Albanien nicht automatisch, dass es Debatten auslöst. Ich kann die Auszeichnung „Schriftstellerin des Jahres“ nur so interpretieren: Ja, wir sind bereit, ein gutes Zeichen zu setzen, und jetzt soll uns dieses Thema nicht weiter stören.

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