Omsk zapft is! Oktoberfest in Sibirien

Das Schunkeln ist schnell erlernt, auch wenn die Blaskapelle nur vom Band kommt. Aber an der Grenze von der Steppe zur Taiga war partout keine authentische Lederhosencombo mit Tuba aufzutreiben. Denn hier, zwei Wochen vor dem großen Original, gibt das Oktoberfest sein sibirisches Stelldichein. Es ist ein kleines, etwa 40 Leute sind gekommen, und es ist ein akademisches, denn der Schauplatz ist der deutsche Lesesaal der Puschkin-Bibliothek zu Omsk, Sibirien. Aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb herrscht hier ein ganz eigener Charme, den die vereinzelt als Exoten zum Anfassen eingeladenen Exil-Deutschen schüchtern-vergnügt wahrnehmen.

Organisiert haben die Sause die Deutsch-Lektorin des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) an der Omsker Universität und die vom Goethe-Institut entsandte Sprachassistentin des Zentrums für Deutsch. Erstgenannte, eigentlich Preußin, ist gar im Dirndl erschienen, während Letztere sich mit einer Schürze behelfen muss, dafür aber eindrucksvoll mit selbstgebackenen Brezeln punkten kann.

Die Gäste sind hauptsächlich junge Studentinnen und Studenten aus den in Russland oft gut besuchten Deutschkursen. Sie sehen jetzt ihre deutschen Lehrerinnen, wie sie dazu animieren, die ausgewählten Schunkelhits mitzusingen. Bei „Marmor, Stein und Eisen bricht” taut die Runde dann auf, wobei den fortgeschrittenen Deutschlernern eigentlich auffallen müsste, dass das Verb hier doch wohl eigentlich im Plural stehen müsste. Aber egal, es ist ja Wochenende – und Oktoberfest dazu.

Maßkrug-Wettrennen und Maßkrug-Wettleeren kommen gut an. Und weil es früher Nachmittag, mindestens die Hälfte der Anwesenden minderjährig und der Ort normalerweise einer der Kontemplation ist, sind die Krüge nicht mit Bier, sondern mit Kvas gefüllt, jenem dem Malzbier ähnlichen Getränk, das aus Brot gebraut wird. Münchener Traditionalist dürfte man jetzt nicht sein, wobei a Gaudi natürlich immer a Gaudi bleibt.

Geschmückt mit den obligatorischen Lebkuchenherzen um den Hals, die der sibirischen Lebkuchenknappheit halber liebevoll aus bunter Pappe hergestellt worden sind, verlassen die jungen Leute den bibliophilen Bierzeltersatz um ein paar fernwestliche Eindrücke reicher. Der wahre Kulturschock kommt dann erst, wenn es irgendwann mal auf das echte Oktoberfest gehen sollte. Die Handvoll anwesenden Deutschen sollen im Anschluss übrigens stehenden Fußes einen nahe gelegenen Bierkeller aufgesucht haben. Das muss das Heimweh sein.

Über Dennis Grabowsky

Dennis Grabowsky kommt aus Berlin. Derzeit wohnt und arbeitet er in Omsk/Sibirien als Redakteur (http://www.ifa.de). Er hat Germanistik, Geschichte, Politik und Literaturwissenschaft studiert, als Journalist, Lektor und in der Politischen Bildung gearbeitet. Er tut dies alles noch; naja, das Studieren eher im übertragenen Sinne: Er studiert gerne seine Umwelt und sucht nach erzählenswerten Geschichten.

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