Das Sonnenwunder von Riga

Es ist ein heißer Tag im Juli, einer der wenigen richtigen Sommertage, die der lettischen Hauptstadt Riga in diesem Jahr bisher beschieden waren. Vor der Orthodoxen Kathedrale in Rigas Neustadt haben sich zahlreiche Gläubige um drei große Ikonen versammelt. Priester gehen umher und bespritzen die Menge mit Weihwasser. Lieder werden gesungen.

Auf einmal wenden sich die Blicke gen Himmel. Es ist Punkt zwölf Uhr, die Sonne hat ihren höchsten Stand am Himmel erreicht, und in diesem Moment scheint es, als strahle sie nur für die Gläubigen vor der Kathedrale. Unterhalb der Sonne hat sich am beinahe wolkenlosen Himmel ein bunter Bogen gebildet. Aber anders als beim gewöhnlichen Regenbogen ist er dieses Mal nach unten gekrümmt, wie ein halbkreisförmiger Rahmen für das Zentralgestirn unseres Sonnensystems. Die Stimmung unter den Gläubigen ist heiter und gelöst. Finger deuten auf die Sonne, in Zweier- oder Dreiergrüppchen bestätigen sich die Menschen gegenseitig des Ereignisses. „Ein Wunder“, raunt uns ein altes Mütterchen in Kopftuch ergriffen zu. „Das gibt es nur in der Orthodoxie.“

Hierin allerdings täuscht sich die alte Dame. Eine Internetrecherche ergibt, dass auch Baptisten unweit von Riga 2010 Zeugen eines umgekehrten Regenbogens wurden. Gesichtet wurde das Phänomen aber auch anderswo, beispielsweise in Norddeutschland oder Großbritannien. Es ist kein seltenes Ereignis, wie die Suchergebnisse zeigen, und meterologisch erklärbar.

Warum aber sind die Menschen scheinbar immer wieder aufs Neue überrascht von den umgedrehten Regenbogen? Warum habe ich vorher noch nie einen bemerkt? Mein eigentlich ob seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung als Telefonjoker herangezogener Vater macht die wohl psychologisch treffende Bemerkung: „Wenn viele Menschen zum Himmel schauen, werden Dinge sichtbar, die sonst unbemerkt bleiben“.

Bilder: Leysan Kalimullina


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