Archiv des Autors: Moritz Gathmann

Über Moritz Gathmann

Geboren in Göppingen 1980. Studium der Russistik und Geschichte in Berlin, dann Volontariat beim Tagesspiegel. Dann abgedriftet nach Moskau. Nach eineinhalb Jahren Quälerei in dieser ungemütlichen Stadt ins provinzielle Kaluga umgezogen. Seitdem habe ich Russland besser kennengelernt und schreibe darüber in Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung, Tagesspiegel, 11freunde, Architectural Digest, Spiegel usw. usf.

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Kein Bett im Kornfeld

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Für den „Russischen Marsch‟ am 4. November wurde mit einem Plakat geworben, über das man schallend lachen könnte, wäre es nicht ernst gemeint: Umgeben von Kornähren sitzt da eine blonde Frau im bestickten Hemd und küsst ihren nackten blonden Sohn. Für alle, die es nicht verstanden haben, steht darunter “Für die Zukunft der weißen Kinder”. Mehr Blut und Boden à la slavophile geht nicht, und wir schreiben das Jahr 2013: Russland ist ein Industrieland, seine Bürger erfreuen sich an iPhones und iPads, fahren Mercedes und Ford und fliegen im Urlaub in die Türkei oder nach Ägypten. Weiter kann ein Traumbild nicht von der Wirklichkeit entfernt sein.


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Vaterlandsverteidiger heraus zum 23. Februar!

Seit 1922 feiert Russland den “Tag des Vaterlandsverteidigers”, formerly known as “Tag der Roten Arbeiter- und Bauernarmee”. Das Datum geht zurück auf den 23. Februar des Jahres 1918, der als tatsächliche Geburtsstunde der Roten Armee gesehen wird, weil die russischen Einheiten den vorrückenden Deutschen erst ab diesem Tag wirklichen Widerstand entgegensetzten.

Und heute? Wird allen russischen Männern gratuliert, egal ob sie nun gedient haben – oder sich wie besonders viele Städter mit einer saftigen Bestechungsgebühr vor dem Dienst gedrückt haben. Der Präsident schwingt patriotische Reden, im Fernsehen laufen patriotische Filme. Und die Männer betrinken sich natürlich.


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Die Nerz-Konterrevolution von Kaluga

Samstag, 11. Februar, 11 Uhr, der Theaterplatz der 300.000-Einwohner-Stadt Kaluga, 200 Kilometer südwestlich von Moskau. Der Gewerkschaftsverband ruft zur Demonstration “Wir verteidigen Russland” auf. Mitarbeiter der Stadt- und Regionalverwaltung werden zwangsverpflichtet, Arbeiter und Bauern der Fabriken und Kolchosen aus der ganzen Region mit Bussen angekarrt.

Bei minus 20 Grad gelingt es den Veranstaltern, in der Rekordzeit von 19 Minuten jene zu verdammen, die seit Wochen in Moskau gegen Putin demonstrieren, eben jenem das Vertrauen auszusprechen und eine gleichlautende Resolution anzunehmen. Der Applaus der etwa tausend Demonstranten ist müde, aber was will man am Morgen nach dem Freitagabend schon erwarten?

Wie schon auf der Großdemonstration in Moskau auch in Kaluga keine einzige Flagge von “Einiges Russland” oder den Kreml-Jugendorganisationen “Junge Garde” oder “Naschi”. Am Rande der Demonstration ruft ein junger Enthusiast von der “Allrussischen Volksfront” dazu auf, am 23. Februar zur Großdemo auf den Manegenplatz nach Moskau zu kommen. Auf seinem Block haben sich bis zum Ende der Kundgebung ganze acht Willige eingetragen. Freiwillig ist die Konterrevolution offenbar nicht zu haben.


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Russische Demo-Semiotik – Crashkurs

Die Demonstrationen in Russland gegen und für Putin gehen in den dritten Monat. Die Teilnehmerzahlen haben sich bei etwa 50.000 eingependelt, auch die Reden von den Bühnen bringen nur wenig Neues, aber scheinbar grenzenlos ist die Kreativität der Teilnehmer. Selbstgemalte Plakate, Kostüme, Flaggen aller Couleur. Blickt da noch jemand durch? Wir schon. Hier ein kleiner Crashkurs in russischer Demo-Semiotik.

 

 


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4500 Kilometer östlich der Volksbühne

Lenin unter einer Schneehaube, auf der Straße minus 26, Nowosibirsk Ende Januar. Viel Schnee? “Pah”, ruft der Taxifahrer, das ist noch gar nix. An der Garderobe des “Krasny Fakel” hängen die Schapkas in Reih und Glied, heute wird “Maskerade” von Michail Lermontow gespielt, das einzige Stück, das es zu seinen Lebzeiten nicht auf die Bühne schaffte, weil er darin den russischen Adel für seine Spielsucht und Sittenlosigkeit derart in die Pfanne haute, dass dem Zensor wohl bis zu Lermontows Tod im Jahre 1841 die Ohren schlackerten.

Das Theater “Rote Fackel” wurde 1920 in Odessa gegründet, zog aber 1932 aus mir noch unbekannten Gründen nach Nowosibirsk am Fluss Ob.


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Eine Mischung aus Wladimir Wyssozki und Jim Morrison

Ein Akkordeonspieler, der seine Lieder mit dem Handy aufnimmt, ist über Youtube zum Star geworden. Er scheint den Russen endlich wieder die musikalische Mixtur zu geben, die sie seit dem Ende der Sowjetunion so schmerzlich vermissen: Musik, Poesie und Patriotismus.

Quelle: Alexey Maishev, Russki Reporter


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