Archiv des Autors: Christian-Zsolt Varga

Ungarische Diplomaten-Trolle: Ein protokollarisches Drama in drei Akten

 

Prolog

Ungarische Diplomaten gehen in den letzten Jahren gerne ins Kino und am allerliebsten sind ihnen Filmtalks mit ungarischen Regisseuren. So wie letzte Woche im Kino Arsenal am Potsdamer Platz, wo man mal wieder aufschlussreiche Einblicke in das Selbst- und Kulturverständnis der Exzellenzen gewinnen konnte.

Gezeigt wurde der Film „Judgment in Hungary“ der ungarischen Regisseurin Eszter Hajdu im Rahmen der “Dokumentarfilm Unterwegs”-Reihe des goEast-Filmfestivals und der EVZ-Stiftung . Der Film sahnt zurzeit international einen Festivalpreis nach dem anderen ab, zuletzt gab es beim Sarajevo Film Festival gleich drei Auszeichnungen: “Special Jury Prize”, “Human Rights Award for the Best Film” und den “Audience Award”. Welcher Diplomat würde da nicht zu der Filmvorführung gehen wollen, wenn die Regisseurin in der Stadt ist?

Schade nur, dass die unabhängigen ungarischen Filmemacher immer so kritische Filme drehen. So dokumentiert „Judgment in Hungary“ den Mordprozess gegen vier angeklagte Männer, die beschuldigt und letztendlich dafür verurteilt werden, eine rassistisch motivierte Mordserie an ungarischen Roma im Jahr 2009 geplant, durchgeführt und dabei sechs Menschen mit äußerster Brutalität und Kaltblütigkeit ermordet und zahlreiche andere verletzt zu haben.

Durch die schiere Dokumentation des Gerichtsprozesses deckt der Film vorherrschende  Rassismen in der ungarischen Mehrheitsgesellschaft und die – euphemistisch ausgedrückt – „grobe Fahrlässigkeit“  der ermittelnden Behörden auf.  Er ist ein tragisches Dokument der aktuellen Situation der Roma-Minderheit in Ungarn und – wie die Regisseurin Hajdu betont – in ganz Mittel- und Osteuropa. Darüber hinaus liefert der Film einen eindrucksvollen Einblick in die Psyche der neonazistischen Täter.

Ein Zeitdokument – wie sich noch herausstellt – das der ungarische Botschafter in Berlin, Dr. József Czukor, seine Kollegin Erika Horváth und der ungarische Vizestaatssekretär für bilaterale EU-Angelegenheiten Dr. Gergely Pröhle – der also zurzeit kein klassischer Diplomat, sondern ein aktiver Regierungspolitiker ist –  auf keinen Fall unkommentiert im Raum stehen lassen können.


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Wenn die Telekom einen Journalistenpreis verleiht …

Heute verleiht die Deutsche Telekom Stiftung den Medienpreis Bildungsjournalismus in Berlin.

In drei Kategorien sind neun Journalisten und Journalistinnen (davon drei Studierende) für Ihre Arbeiten zum Thema Bildung nominiert. Alle neun haben es verdient, die insgesamt 23.000 Euro Preisgeld zu gewinnen, da ihre eingereichten Beiträge hochwertige journalistische Arbeiten sind, die von einer hochrangigen Jury ausgewählt worden sind.


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Zwischen Pariser Platz und Paprikawurst

Deutsch-Ungarische Beziehungen im Winter 2013

Eigentlich sollte der bereits verspätete Shuttlebus die Teilnehmer des Deutsch-Ungarischen Forums vom Auswärtigen Amt zur „Weinlese“ in die ungarischen Botschaft fahren. Stattdessen fuhr er noch eine Runde um den Pariser Platz, wobei er nicht nur das Brandenburger Tor, sondern auch eine kleinere Gruppe dort demonstrierender Ukrainer streifte. Was war geschehen?

Das Deutsch-Ungarische Forum 2013 findet dieses Jahr vom 28.-29. November im Europasaal des Auswärtiges Amtes in Berlin statt.

Das Deutsch-Ungarische Forum 2013 findet dieses Jahr vom 28.-29. November im Europasaal des Auswärtiges Amtes in Berlin statt.


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Doch nicht vor den Kindern!

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán ist Vater von fünf Kindern. Wohl deshalb reagiert er besonders empfindlich und macht es zur Chefsache, wenn deutsche Kinder zu “Opfern politischer Gehirnwäsche” gemacht werden, wie er es jetzt dem öffentlich-rechtlichen Kinderkanal KIKA vorwirft. Dieser berichtete kürzlich in den “Kindernachrichten” unter dem Titel “Rote Karte für Ungarn” darüber, dass es in Ungarn Probleme mit der Pressefreiheit und der Unabhängigkeit des Verfassungsgerichtes gäbe und die Europäische Union das Land deshalb bestrafen könnte. Seit den ersten ungarischen Medienberichten am Donnerstag und dem Statement von Orbán am Freitag schossen die Klickzahlen auf youtube innerhalb von drei Tagen auf über 100.000.

Mit dem von ihm gewohnten rhetorischen Kniff drehte Orbán den Spieß jedoch um: “In Ungarn wäre das nicht möglich, dass in Kinderprogrammen Lügen und falsche Fakten verbreitet würden. Wenn das im ungarischen Fernsehen geschähe, würden die Verantwortlichen sofort rausfliegen.” Mit letzterem hätte Väterchen Viktor sogar Recht.

Was der deutsche Botschafter in Budapest mit dem offiziellen Beschwerdebrief aus dem ungarischen Außenministerium gemacht hat, ist leider nicht überliefert. Vielleicht hat er dieses tapsig-klecksige Selbstporträt aus dem Orbánschen Kindergarten – wie ein gutmütiger und nachsichtiger Papa – an seine Bürowand gehängt.

Gleich neben das “nationale Gehirnwäschebekenntnis Glaubensbekenntnis”. Das in der neuen ungarischen Verfassung steht.

Oder neben das Bild des Reporters, der in den öffentlich-rechtlichen “Erwachsenen-Nachrichten” von der Oppositionsdemo berichtet. Vor einer leeren Straße. Während einen Block weiter Zehntausende gegen die neue Verfassung demonstrieren.

Oder direkt neben das Portrait des ehemaligen Präsidenten des Verfassungsgerichts. Der das Ende der Gewaltenteilung konstatiert.

Vielleicht aber auch neben die staatlichen Auszeichnungen für TV-Moderatoren, Sänger und Archäologen. Allesamt Nazis.

Gar neben die “Juden Raus!”-Aufkleber, die Budapester Professoren neuerdings von ihren Büroschildern abkratzen. Die ihnen ihre Studenten dort hingeklebt haben.

Studenten, denen in der Schule nie eine demokratischer Bildung “aufgezwungen” wurde, die ihren Namen verdient hätte. (Von wem denn auch?)

Studenten, die massenhaft die Nazi-Partei Jobbik wählen und sich eine Diktatur wünschen.

Studenten also, die als Kinder nie “Opfer politischer Gehirnwäsche” der KIKA-Nachrichten wurden.


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