Ungarische Diplomaten-Trolle: Ein protokollarisches Drama in drei Akten

 

Prolog

Ungarische Diplomaten gehen in den letzten Jahren gerne ins Kino und am allerliebsten sind ihnen Filmtalks mit ungarischen Regisseuren. So wie letzte Woche im Kino Arsenal am Potsdamer Platz, wo man mal wieder aufschlussreiche Einblicke in das Selbst- und Kulturverständnis der Exzellenzen gewinnen konnte.

Gezeigt wurde der Film „Judgment in Hungary“ der ungarischen Regisseurin Eszter Hajdu im Rahmen der “Dokumentarfilm Unterwegs”-Reihe des goEast-Filmfestivals und der EVZ-Stiftung . Der Film sahnt zurzeit international einen Festivalpreis nach dem anderen ab, zuletzt gab es beim Sarajevo Film Festival gleich drei Auszeichnungen: “Special Jury Prize”, “Human Rights Award for the Best Film” und den “Audience Award”. Welcher Diplomat würde da nicht zu der Filmvorführung gehen wollen, wenn die Regisseurin in der Stadt ist?

Schade nur, dass die unabhängigen ungarischen Filmemacher immer so kritische Filme drehen. So dokumentiert „Judgment in Hungary“ den Mordprozess gegen vier angeklagte Männer, die beschuldigt und letztendlich dafür verurteilt werden, eine rassistisch motivierte Mordserie an ungarischen Roma im Jahr 2009 geplant, durchgeführt und dabei sechs Menschen mit äußerster Brutalität und Kaltblütigkeit ermordet und zahlreiche andere verletzt zu haben.

Durch die schiere Dokumentation des Gerichtsprozesses deckt der Film vorherrschende  Rassismen in der ungarischen Mehrheitsgesellschaft und die – euphemistisch ausgedrückt – „grobe Fahrlässigkeit“  der ermittelnden Behörden auf.  Er ist ein tragisches Dokument der aktuellen Situation der Roma-Minderheit in Ungarn und – wie die Regisseurin Hajdu betont – in ganz Mittel- und Osteuropa. Darüber hinaus liefert der Film einen eindrucksvollen Einblick in die Psyche der neonazistischen Täter.

Ein Zeitdokument – wie sich noch herausstellt – das der ungarische Botschafter in Berlin, Dr. József Czukor, seine Kollegin Erika Horváth und der ungarische Vizestaatssekretär für bilaterale EU-Angelegenheiten Dr. Gergely Pröhle – der also zurzeit kein klassischer Diplomat, sondern ein aktiver Regierungspolitiker ist –  auf keinen Fall unkommentiert im Raum stehen lassen können.

Erster Akt:
Im falschen Film

Dass die ungarische Regierung am liebsten gleich die PR für sämtliche ungarische Filmregisseure übernehmen würden, wissen wir spätestens seit der Berlinale-Pressekonferenz des Silbernen Bären-Preisträgers Bence Fliegauf im Jahr 2012. Damals hatte man Flyer an die internationalen Journalisten verteilt, um über die fiktiven Dimensionen des Filmes „Just the Wind“ aufzuklären, der ebenfalls die Mordserie an den Roma im Herbst 2009 zum Thema hatte. Die Aktion kam damals weder bei Fliegauf noch bei den Journalisten besonders gut an…

Vielleicht hat man ja in Ungarn mittlerweile daraus gelernt?

Es spricht grundsätzlich ja auch überhaupt nichts dagegen, einen Film zu gucken, ganz im Gegenteil, es gehört sogar mit zu den Aufgaben von Diplomaten. Man meldet sich an, wird dann am Anfang höflich begrüßt, guckt den Film und quatscht am Ende noch ein bisschen mit den Kulturschaffenden am Buffet. Vielleicht schreibt man am nächsten Morgen im Büro noch einen kurzen Bericht.

diplomaten notizen

Doch schon ein paar Minuten nach Beginn des Filmgespräches darf Dr. Pröhle eine kurze offizielle Ansprache halten. Wie hat er das schon wieder eingefädelt?

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Moderatorin Grit Lemke sortiert die Namensschilder vor dem Filmgespräch. Nach einem “Dr. Pröhle” sucht man vergebens. Foto: goEast

Der Produzent Sándor Mester erklärt mir später:

„Die Veranstalter hatten uns gebeten jemanden aus Ungarn vorzuschlagen, der an der Diskussion teilnehmen soll. Wir haben einen Anwalt der Opferfamilien gefragt, dieser hatte jedoch leider keine Zeit. Dann kam irgendwann der Vorschlag der Veranstalter, Erika Horváth einzuladen. Wir wissen nicht genau, ob Frau Horváth nicht teilnehmen wollte oder ihr es nicht erlaubt wurde, doch dann fiel auch der Name von Dr. Pröhle. Wir kannten ihn nicht, aber wir haben sofort kategorisch ausgeschlossen, einen Politiker – egal von welcher Seite – auf das Podium zu lassen. Frau Horváth hat dann Eszter Hajdu ein paar Tage vor der Veranstaltung angerufen und wollte Sie unbedingt überzeugen, dass Hr. Pröhle „ein sehr guter Mensch ist“ und fragte, warum wir ihn denn nicht auf dem Podium haben wollen. Wir antworteten, dass wir grundsätzlich keine Politiker auf der Bühne haben möchten.“

Man kann nur darüber spekulieren, was da wohl für ein Druck von der Botschaft auf die  Veranstalter ausgeübt worden sein muss, damit es irgendwie doch möglich wurde, dass Pröhle – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Filmemacher! – nun ein Mikrofon bekommt und damit die Treppen runter zur Leinwand läuft.

Auch wenn der Staatssekretär krampfhaft versucht zumindest äußerlich zurückhaltende Töne anzuschlagen – er spricht mit angemessen ruhiger und sonorer Stimme – die richtige Tonlage trifft er leider trotzdem nicht. Es ist die immer gleiche Kakofonie aus Pseudo-Understatement und Schmeicheleien, gefolgt von einem Schwall Rechtfertigungsrhetorik, die man von Dr. Pröhle nun schon seit Jahren in seiner Funktion als FIDESZ-Wanderprediger bei „Veranstaltungen mit potentiell kritischem Ungarn-Bezug“ in Deutschland zu hören bekommt.

Der ungarische Staatssekretär für EU-Angelegenheiten Dr. Gergely Pröhle im Kino Arsenal.

Der ungarische Staatssekretär für EU-Angelegenheiten Dr. Gergely Pröhle im Kino Arsenal, Berlin. Foto: czv

Dr. Pröhle vollbringt tatsächlich das rhetorische Glanzstück, dass durch die Doku so deutlich zu Tage geförderte komplexe Rassimus-Problem der ungarischen Gesellschaft nicht auch nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen.

Nach einer kurzen einführenden Floskel, dass dies „ein wichtiger Film“ sei, verliert er keine weitere Silbe zum Inhalt des Filmes, sondern geht stattdessen sogleich dazu über, die Verdienste der FIDESZ-Regierung beim Kampf gegen den Rassismus aufzuzählen und funktioniert das Kino Arsenal kurzerhand einfach mal zu einer FIDESZ-Propagandaveranstaltung um. Klasse!

Natürlich mag er auch nicht darauf verzichten, der Regisseurin „gute Beziehungen“ zum ehemals zuständigen Minister für das „Roma-Thema“, Zoltán Balog, zu unterstellen. Ach, wie schön. Das klingt eher wie eine Drohung und man fragt sich einfach nur: Was soll das denn?!

Und verspürt plötzlich großes Mitleid mit Eszter Hajdu, die bei dieser Aussage freundlich-lächelnd und überrascht die Augen weitet – wie sollte sie auch sonst reagieren?

Hajdu erzählt mir später: „Ich stehe in keinerlei persönlichen Verbindung mit Zoltán Balog. Ich habe ihn lediglich einmal getroffen, um ihn zu interviewen.“

Foto: goEast Filmfestival

„Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Opfer und große Teile der ungarischen Roma-Community immer noch in großer Angst leben und sich bisher überhaupt nichts geändert hat.“
Die Regisseurin Eszter Hajdu im Kino Arsenal, Berlin / Foto: Horst Martin (goEast)

Pröhle schließt mit der Aussage ab, dass „das ‚Roma-Problem‘ für die Regierung das dringendste soziale Problem unserer Zeit darstellt“ und trifft damit einen Nerv im Publikum, das sich von nun an fragt, ob der Staatssekretär vielleicht einen anderen Film gesehen haben mag und falls nicht, auf welcher Seite des Gerichtssaals er wohl das Problem identifizierte: Bei den fanatischen Nazimördern oder den Roma-Opfern?

Ganz großes Kino, Herr Pröhle!

Eszter Hajdu fasst ihren Eindruck später folgendermaßen zusammen:

„Im Laufe der Diskussion gratulierte und lobte Dr. Pröhle uns zu unserem Film, um dann sogleich die Roma-Strategie der Regierung zu lobpreisen und über die „Roma-Frage“ und das „Roma-Problem“ zu sprechen. Wie ich auch schon bei der Diskussion bemerkte, sind solche Aussagen blödsinnig, sinnentleert und diskriminierend. Das Problem sind die Neonazis und die Tatsache, dass ihre Gesinnung immer größeren gesellschaftlichen Rückhalt erfährt. Nach der Diskussion sind mehrere Berliner Deutsche auf uns zu gekommen und meinten, dass die Nationalsozialisten damals so eine Sprache benutzt hätten und empörten sich, wie man denn so reden könne. Und sie haben uns unglaublich bemitleidet und uns viel Erfolg und Kraft gewünscht.“

Trotzdem: Man ist ja mittlerweile einiges gewohnt und das alleine wäre ja beinahe noch zu verkraften gewesen.

In der Folge entfaltet sich eine offene Diskussion zwischen Podiumsgästen und Publikum. Zwei Roma-Aktivisten loben den Film und bezeichnen ihn „als einen großen Beitrag zum Verständnis der Situation von Roma im heutigen Europa“.

“Der Begriff ‚Roma-Problem‘ ist per se diskriminierend. Der Film zeigt das Problem der ungarischen Neonazi-Bewegung auf und hat rein gar nichts mit Roma zu tun“
Filmproduzent Sándor Mester nach dem Film im Kino Arsenal, Berlin / Foto: Horst Martin (goEast)

Nachdem der Leiter der „Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie“ Andrés Nader an die aufsteigende Tendenz zur Roma-Feindlichkeit in Deutschland und die Parallelen zum NSU-Prozess erinnert, entwickelt sich zunächst eine kritische Publikumsdiskussion über Rassismus im Allgemeinen und im aktuellen deutschen Kontext. Ungarn scheint kurz vergessen.

Doch auch das peinlichste Drama besteht bekanntlich aus (mindestens) drei Akten und der Auftritt von Dr. Pröhle war leider nur ein erster Vorgeschmack.

Denn als die Moderatorin Grit Lemke sich wieder auf den Film bezieht und dabei nicht gänzlich ironisch vorschlägt, dass man wohl lieber „Projekte mit der weißen Mehrheitsbevölkerung“ machen müsste, ein Roma-Vertreter dann allzu offen die Frage nach der Durchdringung der ungarischen Polizei durch faschistische Kräfte stellt und die Regisseurin Hajdu unterstreicht, dass die osteuropäischen Roma nicht „aus Spaß“ massenweise in die neuen EU-Länder emigrieren, wird es den ungarischen Abgesandten langsam wieder zu viel des Guten.

Zweiter Akt:

“Dieser Film schadet dem Image Ungarns in der Welt“

Erneut gebührt Staatssekretär Dr. Pröhle die Ehre den nächsten Akt einzuleiten, in dessen weiterem Verlauf auch die vermeintlich tragische Heldin eingeführt wird:

„Ich wäre nicht so pessimistisch, wie sie alle. Weil einer der Vorteile des Filmes ist, dass er die Diversität innerhalb der Roma-Community darstellt. Sie erinnern sich an die Schwester des einen Opfers – welch großer Unterschied zwischen ihr und der alten Dame und vielen anderen.“

Der Satz explodiert sofort wie eine Bombe. Ein Raunen geht durchs Publikum. Eine Frau fragt empört „Excuse me?“

Anlässlich des eben gesehenen Filmes, der einen Neonazi-Prozess dokumentiert und auf den sich Staatssekretär Pröhle mit seiner Aussage eindeutig bezieht, MUSS er eigentlich wissen, wie unglaublich dumpf und rassistisch dieser Satz auf das Berliner Publikum wirken muss:

Er hebt die vermeintlich höhere Kultiviertheit einer jüngeren blonden Roma-Protagonistin im Gegensatz zu einer dunkelhäutigeren älteren Dame hervor und verortet hier die Lösung für den erhofften Wandel.

churchill

Vom Nazi-Mörder-Prozess zur „Diversität in der Roma-Community“. Diese Täter-Opfer-Umkehrung muss man erstmal hinbekommen.

Noch bevor er seinen Vortrag beenden kann, intervenieren die Roma-Aktivisten: „Was meinen Sie? Was ist der Unterschied? Die eine Dame ist dreißig Jahre älter, das ist der Unterschied! Was meinen Sie?!“

Pröhle versteht anscheinend nicht, was sein Satz bewirkt hat und versucht sich aus der Situation zu retten: „Es ist ein Grund zum Optimismus. Wir haben z.B. eine Roma-stämmige Diplomatin hier in der Berliner Botschaft“.

[Aus dem Publikum: Und die USA haben Condoleeza Rice!]

„Ich kenne sie und bin sehr stolz auf sie, aber warum müssen wir immer unsere schönsten Blumen zeigen?“ fragt der Roma-Aktivist.

„Wir müssen Blumen zeigen, um nicht so pessimistisch sein zu müssen“ antwortet Pröhle.

Die Regisseurin Eszter Hajdu interveniert und beendet den Schlagabtausch: „Nicht die Roma müssen irgendwas zeigen, es ist nicht ihre Aufgabe. Der Holocaust handelte nicht von den Juden, er handelte von der Mehrheit, er handelte von Deutschen, Ungarn und anderen, den Mehrheitsgesellschaften. Die Verantwortung liegt nicht bei den Minderheiten.“

Großer Beifall im Kino Arsenal.

Nun meldet sich erstmals die vermeintlich tragische Heldin zu Wort. Erika Horváth, manchmal auch „die erste Roma-Diplomatin Ungarns“ genannt:

„Also ich spreche jetzt nicht als Konsulin, sondern als Roma aus Ungarn. [Aktivist: Das hoffe ich.] Ich habe mich den ganzen Film über sehr schlecht gefühlt als ungarische Roma. [Aktivist: Ich mich auch!] Was wollen Sie mit diesem Film bezwecken? In der Zukunft wird dieser Film für die ungarischen Roma nichts bringen, sondern nur die große Entfernung zwischen den zwei Seiten vergrößern. Ungarn ist ein sicheres Land.[Aktivist: Kosovo, Montenegro und Serbien jetzt auch! Trotzdem sterben dort Menschen!] Das im Film Gezeigte ist nur eine Seite. Der Film schadet Ungarns Image in der Welt. Die Zuschauer werden denken, dass so etwas in Ungarn jeden Tag passiert.“

Okay, das sitzt. Eine ungarische Roma-Diplomatin spricht sich eindeutig gegen den Film aus. Eszter Hajdu dankt Frau Horváth höflich für Ihre Kritik und zeigt sich sehr betroffen von dieser Aussage. Vor allem, weil es das erste Mal sei, dass sie negatives Feedback von einer Roma bekommen würde.

Mit anderen Worten: Eszter Hajdu ist zu diesem Zeitpunkt die einzig wahre ungarische Diplomatin im Saal. Der andere, Botschafter Czukor, wird sich erst äußern, als es schon zu spät ist.

Aber was meint Erika Horváth eigentlich mit der Frage: “Was wollen Sie mit diesem Film bezwecken?” Sie stellt die Frage, als ob wir gerade einen Science Fiction Film gesehen hätten und nicht einen D O K U M E N T A R F I L M der zu 95% aus nichts anderem als der reinen Abbildung einer R E A L  stattgefundenen Gerichtsverhandlung in Ungarn besteht.

Zuerst sind also die Roma Schuld und jetzt die Filmemacher. Das Problem, über das zu sprechen gilt, ist also, dass der Film überhaupt gedreht wurde. Nicht das, was der Film dokumentiert. Genial!

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Richter und Angeklagte im Gerichtssaal.

Und da war noch was: „Der Film schadet dem Image Ungarns in der Welt“.

Atemberaubend.

Warum haben dann alle Prozess-Beteiligten, einschließlich des Richters, einschließlich der Opfer und sogar der Angeklagten (welche wohl ihre ganz eigenen Gründe hatten) die Dokumentierung des Prozesses ausdrücklich begrüßt? Warum hat Dr. Pröhle in seinem ersten Vortrag kurz vorher noch betont, dass der „offene Zugang, der den Filmemachern gewährt wurde, die Verpflichtung der ungarischen Regierung zeigt, das Thema ernst zu nehmen“?

Die einzigen, die bis zu diesem Moment dem Image Ungarns in der Welt geschadet haben sind Herr Dr. Pröhle und Frau Horváth. Das Berliner Publikum jedenfalls traut seinen Ohren nicht.

Die Regisseurin Hajdu antwortet: „Nicht diese Filme sind schlecht für Ungarn, sondern das, was passiert ist. Wir Filmemacher machen diese Filme nicht gegen unser Land, sondern für unser Land. Um es zu verbessern.”

Produzent Sándor Mester fügt hinz: „Hier in Berlin weiß jeder, was vor sechzig, siebzig Jahren passiert ist und deshalb können wir hier frei sprechen und das sollte in jedem Land möglich sein. Wenn es in einem Land ein Problem mit rassistischer Diskriminierung gibt, muss das zunächst erstmal ausgesprochen und diskutiert werden. Danach kann man dann über alles andere sprechen. Wenn das jedoch nicht möglich ist, dann ist das keine freie Welt mehr und dass ist etwas, was nicht nur Ungarn braucht, sondern jedes Land, und zwar kontinuierlich.“

Mit dieser Aussage handelt sich Mester nach der Veranstaltung übrigens noch eine Rüge von Dr. Pröhle ein, wie er mir später mitteilt. Nach der Veranstaltung sei dieser auf ihn zugekommen und habe ihm unter vier Augen gesagt: „Man sollte nicht solche Dinge sagen, wie, dass man in Ungarn nicht frei reden darf.“ Mester antwortete, dass er das nicht gesagt habe, sondern nur betonen wollte, wie toll Berlin sei und mit welcher ernsthaften Anstrengung hier freie gesellschaftliche Diskurse ermöglicht würden und dass es Früchte zu tragen scheine.

Mester fragt mich: „Wenn ein Staatssekretär mir sagt, was ich nicht sagen soll, darf ich dann noch frei reden?“

Doch zurück zu Frau Horváth:

Natürlich möchte man ihr nichts unterstellen. Schon gar nicht, dass sie sich verpflichtet oder unter Druck gesetzt gefühlt haben könnte, als Roma-stämmige ungarische Diplomatin Kritik an diesem Dokumentarfilm zu üben und das als bisher Erste und Einzige ihrer Community, wenn man Eszter Hajdu Glauben schenken darf.

Aber es ist schon ein sehr bemerkenswerter Zufall!

Oder um es mit den Worten der Regisseurin zu formulieren:

„Ich bin wirklich sehr traurig darüber, dass ich negative Gefühle bei einer Roma mit diesem Film ausgelöst habe. Und ich bin mir absolut bewusst, dass es unglaublich schwer sein muss, offizielle Vertreterin eines Landes und gleichzeitig Teil einer Minderheit zu sein, welche in diesem Land diskriminiert wird. Das ist eine sehr kontroverse und schwierige Situation und es tut mir sehr leid, dass Sie in diese schwierige Situation geraten sind.“

Doch Frau Horváth meldet sich weiter empört zu Wort:

„Es werden die ganze Zeit nur Klischees über Roma gezeigt. Dass sie arm sind. Ich kenne keinen einzigen positiven Dokumentarfilm über ungarische Roma.“

(Zur Erinnerung: Es handelt sich immer noch um die Dokumentation eines echten Gerichtsprozesses)

Mester: „Wie hätten wir einen positiven Film über diese Morde machen sollen?

Horvath: „Wie müssen wir uns fühlen, wenn wir immer nur solche Filme über Roma sehen müssen?“

Mester: „Ich bin mir sicher, dass sie noch nie einen solchen Film über diese Morde gesehen haben.“

Horvath: „Ja, aber die anderen Dokumentarfilme – abgesehen von diesem – erzählen immer nur die gleiche Geschichte: Dass die ungarischen Roma sehr arm sind.“ 

Hajdu: „Es gab keine einzige Szene, in denen die Armut von Roma thematisiert wurde.“

Die Forderung Horváths nach mehr positiven Filmen über die Roma ist sicherlich eine Diskussion wert, aber angesichts des eben gezeigten Filmes nicht ansatzweise angebracht, sondern einfach nur manipulativ. Genauso manipulativ – ob bewusst oder unbewusst – wie die Aussage Frau Horváth´s, “nicht als Konsulin, sondern als ungarische Roma” zu sprechen: Natürlich tut sie das. Natürlich vertritt sie in der Wahrnehmung des Publikums in diesem Moment den ungarischen Staat.

Hier sei noch eine Info von Eszter Hajdu erwähnenswert :

„Am Telefon versuchte mich Frau Horváth mit dem Argument zu überzeugen, dass sie sich als Roma-stämmige Diplomatin mindestens genauso der ungarischen Regierung verpflichtet fühlt, wie Herr Pröhle.“

Sowohl der Inhalt als auch die Art und Weise der geäußerten Kritik Horváths lassen in einem leider die mulmige Vermutung aufsteigen, dass sie entweder noch nie einen Dokumentarfilm gesehen hat (was zu bezweifeln ist) oder sie heute Abend ihre Roma-Abstammung bewusst instrumentalisieren soll, um den Film zu diskreditieren.

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Der Kulturwissenschaftler und Rassismus-Experte Andrés Nader. / Foto: Horst Martin (goEast)

Nicht verwunderlich, dass Andrés Nader sich an dieser Stelle veranlasst fühlt, auch nochmal auf den konkreten Inhalt des Filmes hinzuweisen – für alle die es bisher immer noch nicht verstanden haben:

„Dieser Film zeigt einen Gerichtsprozess gegen Neonazis und wir sehen, wie der Staat versucht mit den von Neonazis begangenen Verbrechen gegen eine Minderheit – in diesem Fall sind es eben Roma – umzugehen. Aber das ‚Problem‘ des Filmes sind nicht die Roma oder die Situation der Roma. Wir sehen zwar verbreitete Verhaltensweisen, die gegen die Roma gerichtet sind, aber was der Film zeigt, sind Neonazis und die Verhaltensweisen, mit der die Gesellschaft und die staatlichen Institutionen, in diesem Fall durch einen sehr aktiven Richter repräsentiert, mit den Straftaten dieser Neonazis umzugehen versuchen. Es ist daher interessant, dass wir jetzt über die Roma reden, obwohl das überhaupt nicht der Fokus des Filmes ist. Und ich glaube, das ist etwas, was zu oft passiert, und es sagt nur etwas darüber hinaus, wie wir darauf blicken, aber nicht, was tatsächlich im Film passiert.“

Das Publikum und alle Beteiligten sind angesichts der diplomatischen Performance der ungarischen Delegation jedenfalls ziemlich baff. Es wird also höchste Zeit das Tempo wieder etwas raus zu nehmen und den dritte Akt einzuleiten. Das übernimmt der Ungarische Botschafter in Deutschland, Dr. József Czukor, höchstpersönlich, der nun erstmals das Wort ergreift, um die Sache zu schlichten.

Dritter Akt:

“Wir sind hier, weil wir den Film gucken wollten“

 

Der Botschafter beginnt mit einer erfrischend ehrlichen Erkenntnis:

„Nur einen Moment von meiner Seite, weil ich nicht glaube, dass Sie es genießen, dass wir die ganze Zeit intervenieren und ihnen unsere Message mitteilen wollen.“

[Aus dem Publikum: "Das stimmt!"]

Kurz kommt auf Hoffnung auf. Endlich: Ein echter Diplomat! Wird der erfahrene Botschafter die totale Blamage mit einer Prise Humor und Selbstkritik doch noch abwenden können? Wird er zumindest ein paar Worte über den Inhalt des Filmes verlieren? Vielleicht sogar das Wort Rassismus in den Mund nehmen? Oder bleibt der Auftritt des Trios bis zum Schluss eine große Farce?

Die Spannung steigt.

Lakonisch sagt er: “Erstens: Wir sind hier, weil wir den Film gucken wollten.”

Aha. Sprich: Wie ganz normale Diplomaten. Einfach “nur” den Film gucken wollen. Alles ganz harmlos.

  • Doch warum hat der Botschafter dann die Propaganda zugelassen?
  • Warum wurde dann im Vorfeld überhaupt hin- und her verhandelt und die Horváth-Pröhle-Rochade forciert?
  • Wieso hat er sich das Zepter aus der Hand nehmen lassen und einem aktiven Regierungspolitiker den Vortritt gelassen?
  • Warum redet er denn dann gerade überhaupt?

Es ist schon eine interessante Strategie, die hier zu Tage tritt. Erst die Veranstaltung kentern und abschließend, nachdem man die eigene Botschaft erfolgreich gestreut hat, einsichtig darüber reflektieren. Wie praktisch.

“Zweitens: Es war ein guter Film, okay?!”

Okay! Okay! Here we go. Letzte Chance.

Drittens: Wir haben auch unsere Meinung zu diesem Film und zu der Message des Filmes.“

Eszter Hajdu antwortet: „Der Film hat keine Message.“

versprochen

 

Botschafter Czukor: „Okay! Sie sind eine Künstlerin und ich gucke einfach einen interessanten und tragischen Film, eine Geschichte über mein Land! Und ich glaube nicht, dass dieser Film nur von den Roma handelt, sondern dass er eine Geschichte über mein Land erzählt.“

So ein sympathischer und grundehrlicher Botschafter. Aber wieso hat er dann nicht interveniert, als Dr. Pröhle vorhin die Relativierungs-Rakete abgefeuert hat?

„Und diese Geschichte ist eine über arme Menschen, die nicht Teil der Art und Weise sind, wie die Mehrheit der Gesellschaft über sich selbst denkt.“

Endlich sagt es mal einer! Die Neonazis sind arme Menschen und der Botschafter distanziert sich im Namen der ungarischen Gesellschaft von ihrer Denkweise! … Ach so, nein, doch nicht. Auch Czukor redet über die Roma. Diesen Satz muss man sich nochmal auf der Zunge zergehen lassen. Eins ist sicher: Der Botschafter scheint auch im falschen Film gesessen zu haben.

„Und das ist ein Problem, nicht nur ein ungarisches Problem. Vielen Dank an ihren deutschen Kollegen, denn ich lebe auch hier und das ist ein typisch europäisches Problem. Es ist ein typisches Problem zwischen Minderheiten und Mehrheiten, selbst wenn – und das ist eine sehr traurige Tatsache in Ungarn – die Roma zu den Armen gehören und in Ungarn sind es sehr viele – wohlgemerkt gibt es außer ihnen natürlich auch noch andere arme Gruppen“

Ja, das sind tatsächlich alles sehr interessante und diskussionswürdige Thesen. Die Roma sind arm. Danke, Herr Botschafter, dass sie dem verständnislosen und unterbelichteten deutschen Zuschauer die Welt erklären. Und danke, dass sie uns aus Rücksicht auf unsere zart besaiteten Seelen weiterhin verschonen und uns rein gar nichts über die ungarischen Neonazis erzählen, über deren Prozess der Film handelt.

Es ist ein europäisches Problem! Und ich sehe keinen Unterschied zwischen Ost- und Westeuropa – das ist unser Verhalten. Wir hatten hier eine schöne und sehr fruchtbare Debatte, aber glauben Sie nicht, dass sie die Mehrheitsmeinung in Deutschland repräsentiert.

Was ist ein europäisches Problem? Die Armut der Roma? Der Rassismus der Mehrheit? Immer noch keine Klarstellung! Über den letzten Punkt der “Mehrheitsmeinung” wurde vorhin bereits im Publikum debattiert. Es wurde mehrmals kritisch über den NSU-Prozess und rassistische Tendenzen in Deutschland gesprochen. Ganz von alleine. Warum das in Ungarn bis heute unmöglich ist? Dass zeigt der Auftritt der Diplomaten am heutigen Abends sehr anschaulich. Danke dafür.

“Das ist ein Problem – und es ist sehr gut, dass wir solche einen Film sehen und ich begrüße es sehr, dass es diesen Film gibt und ich freue mich sehr, dass Sie uns eingeladen haben und wir uns erklären konnten.”

Da fällt mir ein: Es soll ja Leute geben, die sich uneingeladen auf Partys  schleichen und sich beim Verabschieden dann beim Gastgeber für die Einladung bedanken, nachdem sie alles weggegessen und leergetrunken haben. Die Moderatorin Grit Lemke will den “nur einen Moment”-Botschafter schon längst unterbrechen, das Publikum säufzt laut auf, jemand ruft “es reicht”.

“Und ich denke als Ungar – nicht nur als Botschafter: Das ist mein Land! Aber das ist nur ein Teil davon. Ein Teil, der mir nicht gefällt. Und ich kämpfe dagegen an! Und bitte akzeptieren Sie es.”

Warum war dann das Einzige, wogegen die ungarischen Diplomaten an diesem Abend gekämpft haben, genau das Bild dieses „Teiles“, Herr Botschafter? Dieser Double Talk ist zurzeit offizielle Amtssprache in Ungarn. Viktor Orbán selbst hat diese Sprache zum Ziele der internationalen Verständigung entwickelt, wie einst Zamenhof den Esperanto.

Warum ist dies der erste offizielle Satz, der – wenn überhaupt – die Existenz eines Problems eingesteht, das entfernt was mit dem Thema Rassismus zu tun haben könnte? Ausgesprochen wird es jedoch bis zuletzt nicht ein einziges Mal. Das ist dem deutschen Publikum nicht entgangen. Bitte akzeptieren Sie es.

Glückwunsch zu diesem Film, Glückwunsch zu dieser Diskussion und danke an alle Teilnehmer und das Publikum, Ich denke, dass sie alle etwas Wichtiges leisten, für alle von uns – für ganz Europa.

Glückwunsch zu dieser politischen Instrumentalisierung der Veranstaltung, Glückwunsch zu dieser ungebetenen Einverleibung der Diskussion und danke für die respektvolle Wahrung der gesunden demokratischen Distanz zwischen Politik und Kultur. Ich denke, dass sie alle etwas Wichtiges leisten, um den Ruf Ungarns immer weiter zu ruinieren – in ganz Europa.

Nachwort

Frage: “Wie bewerten Sie den Auftritt der Diplomaten bei ihrer Filmvorführung in Berlin im Rückblick?”

Die Regisseurin Eszter Hajdu:

“Die durch die Diplomaten erzeugte eingeengte, provinzielle und durchpolitisierte ungarische Stimmung auf einer Berliner Vorführung meines Filmes empfand ich als sehr unangenehm. Ich habe mich jedoch sehr über die demokratische Denkweise des deutschen Publikums gefreut. Auch habe ich mich sehr über die Gespräche mit einigen Anwälten der Opfer der NSU-Mordserie gefreut, denen der Film sehr gefallen hat und die ihn für sehr wichtig hielten.”

Der Produzent Sándor Mester:

“Ich habe mich sehr unwohl gefühlt. Ich sehe es als großes Problem an, dass ungarische Vertreter offiziell so verantwortungslos so einen Unsinn verbreiten. So etwas ist bisher noch bei keinem einzigen Filmgespräch vorgekommen. Ich bin gespannt, ob wir von nun auch in Zukunft mit solchen primitiven Verhaltensweisen und Botschaften rechnen dürfen.”


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7 Antworten auf Ungarische Diplomaten-Trolle: Ein protokollarisches Drama in drei Akten

  1. Karl Pfeifer sagt:

    Orbán hat die Diplomaten implizit aufgefordert, aggressiv aufzutreten. Deswegen kennen diese keine Scham. Dass sie damit das Zielpublikum verärgern ist ihnen gleichgültig. Wichtig ist, dass berichtet wird, wie sie
    der “Verleumdung” Ungarns entgegentreten sind.

  2. Danke Christian, für diese eindringliche Dokumentation. Sie zeigt sehr schön, wie ungarische Diplomaten und Regierungspolitiker versuchen, die Deutungshoheit über alles, was mit Ungarn zu tun hat, zu erlangen. Eins wird dabei deutlich: Eine Regierung, die sich mit der Nation gleichsetzt, kann auch Kritik an Zuständen im Land nur als gegen sich gerichtet empfinden. Das zeugt nicht von besonderer Souveränität. Mein ORF-Kollege Gelegs hat das mal sehr schön auf den Punkt gebracht: “Die Regierung glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein, und Wahrheit kann man doch nicht kritisieren…..”

  3. Iro Nia sagt:

    “Heute in Ungarn zu leben und zu arbeiten ist schmerzvoll und beschämend zugleich”, schreibt Árpád Schilling. (Regisseur Ungarns, der Gründer der legendären Truppe Krétakör)
    http://mobil.derstandard.at/2000006342555/Ich-fliehe-so-weit-weg-wie-nur-moeglich
    Langsam wird es überall in Europa schmerzvoll und beschämend als Ungarn leben.
    Zum Glück, dass wir noch solche Künstler haben. Nur das alltagliche Leben hängen von den Politikern ab.

  4. jános Fasang sagt:

    man kann natürlich polemisieren, total voreingenommen alles zerreden, was nicht in dem eigenen Kram passt, natürlich man kann in eine Veranstaltung so hineingehen, dass “jetzt werden wir diesen bösen Ungarn, diesen Faschisten, diesen “diplomaten Apparatschik” zeigen, wo es lang geht., nur es lohnt sich nicht.
    Die Fakten bleiben Fakten: ES GAB NOCH NIE EINE REGIERUNG IN UNGARN, – und anderswo wahrscheinlich auch nicht- WELCHE FÜR DIE INTEGRATION UND GLEICHBERECHTIGUNG DEN ROMAS MEHR GETAN HÄTTE, ALS DIE JETZIGE ORBÁN REGIERUNG.
    Die linke in Ungarn und auch in Deutschland ist verspätet!
    Sie hätten in der Zeit der Gyurcsány Regierung protestieren sollen! Müssen! Nicht jetzt . Die “Zigeuner Morde” fanden in dieser Zeit statt
    und nicht jetzt. Jetzt passieren solche abscheuliche Dinge nicht!
    Schämen sie sich für ihre bolschevik Methoden!

    HÄTTE

  5. ÜberKitten sagt:

    Gibt es eine Video-Aufnahme von den Politiker-Trolle? :) Sie kann man am Ende des Films eingefügt haben.

  6. Helena sagt:

    Wie Karl Pfeifer erwähnt hat, ist es seit 2010 explizit Aufgabe der Diplomaten, bei Veranstaltungen die Orbán-Regierung positiv darzustellen bzw. Leserbriefe zu schreiben, wenn in einer Zeitung ein kritischer Artikel erscheint. Denn die Regierung hat die Deutungshoheit für alles inne.
    Witzigerweise wird jeglicher Kritik nicht mit Argumenten der Wind aus den Segeln genommen, sondern mit einem “schäm dich, Ungarn in einem schlechten Licht darzustellen”, evtl. noch mit einem “Gyurcsány war schlimmer”. Was ausgesprochen lächerlich ist, denn dies bedeutet ja, dass die Ambitionen der Regierung doch ziemlich niedrig sind, wenn sie sich mit einer von ihnen als abgrund schlechten Regierung messen :D

    Übrigens: seit wann ist Prőhle eigentlich Dr.? Ansosnten ist er auch bei der ungarischen evangelischen Kirche aktiv, während der zuständige Minister Zoltán Balog Pastor ist, der sich Integration ausschliesslich über kirchliche Einrichtungen, und möglichst durch Segregation, wie in der Schule des Huszár-telep in Nyíregyháza, vorstellen kann.

  7. Pingback: Too much information - Lesezeichen - Lesezeichen vom 5. Oktober 2014

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