Kein Bett im Kornfeld

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Für den „Russischen Marsch‟ am 4. November wurde mit einem Plakat geworben, über das man schallend lachen könnte, wäre es nicht ernst gemeint: Umgeben von Kornähren sitzt da eine blonde Frau im bestickten Hemd und küsst ihren nackten blonden Sohn. Für alle, die es nicht verstanden haben, steht darunter “Für die Zukunft der weißen Kinder”. Mehr Blut und Boden à la slavophile geht nicht, und wir schreiben das Jahr 2013: Russland ist ein Industrieland, seine Bürger erfreuen sich an iPhones und iPads, fahren Mercedes und Ford und fliegen im Urlaub in die Türkei oder nach Ägypten. Weiter kann ein Traumbild nicht von der Wirklichkeit entfernt sein.

Damit lockte der „Russische Marsch‟ wie jedes Jahr die übliche Klientel: Brüllend und nationalistische, heidnische und orthodoxe Fahnen schwenkend marschieren dort wenig belichtete Ausländer-, Homo- und Westlichewertehasser, die den Anschein machen, als würden sie ihrem Hass sehr gerne auch Taten folgen lassen, so man sie denn ließe.

Dabei geht unter, dass viele „normale‟ Russen tatsächlich eine Antwort auf die „nationale Frage‟ suchen. Man mag den Oppositionsführer Alexej Nawalny dafür kritisieren, aber seine Popularität verdankt er nicht nur seinem Kampf gegen die Korruption, sondern eben auch seiner nationalistischen Rhetorik.

Denn der 1992 neu gegründete Staat krankt bis heute an seiner Unbestimmtheit: Er heißt „Rossiskaja Federazija‟, also „Russländische Föderation‟, ein von Boris Jelzin geschaffenes Kunstwort. Der „Russländer‟ sollte den „Sowjetmenschen‟ ersetzen, die neue Über-Identität für Tataren, Tschetschenen, Burjaten, Nenzen und eben Russen werden. Und blieb eine leere Hülle: Niemand bezeichnet sich ernsthaft als „Russländer‟. Die Russen nennen sich „Russkij‟, die Tataren „Tatarin‟ und die Burjaten „Burjat.‟

Russland ist heute ein Vielvölkerstaat, laut der Volkszählung von 2010 leben dort Vertreter von knapp 200 „Nationalitäten‟. Das Mantra „Wir sind ein Vielvölkerstaat, und darin liegt unsere Stärke‟ wiederholen die kleinen und großen politischen Führer des Landes besonders gerne, wenn es zu nationalistischen Unruhen kommt, wie vor kurzem im Moskauer Stadtteil Birjulowo.

Aber die Phrase klingt immer hohler, und manchmal fühlt man sich daran erinnert, was man über das Vielvölkerreich Österreich-Ungarn in seiner Endphase gelesen hat. Die Balken des Hauses ächzen vor interethnischen Spannungen.

Schränkte die Sowjetunion die Mobilität ihrer Bürger noch stark ein und sorgte dafür, dass der Tschetschene in Tschetschenien blieb und der Aserbaidschaner in Aserbaidschan, sind seit 1991 die Schranken gefallen: Besonders die Großstädte ziehen zu Hunderttausenden Bürger der ärmeren „russländischen‟ Republiken und der ehemaligen Sowjetrepubliken im Süden an. Und so wimmelt es von Moskau bis Nowosibirsk von ärmlichen Gastarbeitern, insbesondere aus Zentralasien, die Häuser bauen, Taxi fahren, Schawarma verkaufen und Schnee schippen. Oft leben sie unter unmenschlichen Bedingungen und werden von den Russen auch so behandelt. Sie sind Symbol der verfehlten – und an die deutsche Gastarbeiterpolitik der 60er Jahre erinnernden – Migrationspolitik, die in ihnen nur Schneeschipper sieht, die man ansonsten sich selbst überlassen kann. Korrupte Beamte lassen die Migration in den letzten Jahren völlig aus dem Ruder laufen.

Und dann ist da noch das ewige Problem Tschetschenien, gegen das Russland zwei verlustreiche Kriege führte, und das heute Teil des Landes ist und von Moskau subventioniert wird, sich aber in Richtung eines mittelalterlichen islamischen Staates entwickelt, dessen Führer teure Westkarossen sammelt, und dessen junge Männer gerne einen tschetschenischen Nationalismus demonstrieren, der dem des „Russischen Marsches‟ in nichts nachsteht.

Die Russen, die seit dem Ende der Sowjetunion schon mit der Frage „Wer sind wir‟ größte Probleme haben, stellen sich nun immer lauter die Frage: Was haben wir mit „denen‟ gemeinsam? Das offizielle Mantra vom „Vielvölkerstaat‟ verhallt dabei immer ungehörter. Aber die blonde Magd im Kornfeld kann es auch nicht sein.

Dieser Beitrag erscheint ebenfalls am 7. November in der “Moskauer Deutschen Zeitung”

Über Moritz Gathmann

Geboren in Göppingen 1980. Studium der Russistik und Geschichte in Berlin, dann Volontariat beim Tagesspiegel. Dann abgedriftet nach Moskau. Nach eineinhalb Jahren Quälerei in dieser ungemütlichen Stadt ins provinzielle Kaluga umgezogen. Seitdem habe ich Russland besser kennengelernt und schreibe darüber in Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung, Tagesspiegel, 11freunde, Architectural Digest, Spiegel usw. usf.

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2 Antworten auf Kein Bett im Kornfeld

  1. Holzbank sagt:

    “Rossiskaja Federazija” ist schwerlich ein von Jelzin geschaffenes Kunstwort. Zuvor gab’s bekanntlich schon die “Rossiskaja SFSR” und Kerenskis “Rossiskaja Respublika”.
    Auch “Rossijanin” findet sich schon bei Puschkin und wird in den Wörterbüchern des 19. Jh. einfach mit “Russe” übersetzt.
    Aber genau hier liegt das Problem: Das ehemals buchsprachliche “Rossijanin” soll seit 1992 mehr umfassen, als nur die Russen.

  2. Moritz Gathmann sagt:

    Herzlichen Dank für die Korrektur. Ich lerne gerne hinzu. Gerne wüsste ich jetzt noch, in welcher Weise es Puschkin denn verwendet hat?