Eine Frage des Maßstabes (Масштаб)

Je weiter man sich in den Urwald der russischen Sprache durchkämpft (der trotz Waldrodung immer noch unglaublich unübersichtlich scheint), desto häufiger stolpert man über herumliegende deutsche Wörter. Ganze Bäume deutscher Wörter stehen da verirrt in der russischen Taiga herum: Landschaft. Batterie. Wunderkinder. Gastarbeiter. Nur eben „russifiziert“ mit rollendem R und harter Aussprache. Das könnte ebenso deutsch mit russischem Akzent sein. Die Philologen nennen dieses Phänomen Entlehnung.

Der Import deutscher Begrifflichkeiten ins Russische ist dabei vor allem durch den deutschen Siedlungsbau unter Katharina der II. und Peter dem Großen von statten gegangen. Seit dem ist der Kontakt zwischen diesen zwei Völkern in Wörter gegossen. Der deutsch-slawische Austausch weist jedoch seine ganz eigene Besonderheit auf. So handelt es sich nicht wie gewöhnlich um Kontaktlinien an Grenzregion zweier Länder, sondern um einen ganzen Kontaktraum.

Dieses Öffnen der russischen Sprache für vor allem deutsche, aber auch andere romanische Sprachen, ist dabei mehr als bloßer Ausdruck von Völkerverständigung. Peter der Große wollte Russland und mit ihm seine Sprache um jeden Preis europäisieren. Auf inkognito Reisen während seiner Amtszeit ist der zwei Meter große Herrscher derart „Westaffin“ geworden, dass er die Elite seines Landes fortan nur noch französisch sprechen ließ. Die Modernisierung der Wirtschaft führte zur Abkehr von russischen Traditionen. Rockzipfel tragen wurde ebenso illegalisiert, wie das Tragen von langen Bärten. Das „Sich nach Westen hin Öffnen“ ging mit der Negation der eigenen Kultur einher.

Diese Einstellung begegnet einem in Russland übrigens immer noch häufig. Sagt man, dass man aus Europa kommt, wird manch einer fast zum Liebling der Nation erkoren. Auch Menschen, die noch nie außerhalb der eigenen Landesgrenzen waren, meinen, dass in „Europa alles besser sei“. Hören möchten die meisten dann jedoch nur die Bestätigung ihres Halbwissens: Dass es sich bei uns besser leben lasse, man mehr Geld verdiene und deshalb ein glücklicherer Mensch sei. Die Wahrheit über Fremdenhass, geschlossene Gesellschaft und das Stigma des Fremdseins wird dabei gerne nicht wahrgenommen. Die Erhöhung alles Europäischen gipfelte an der Universität in Yekaterinburg in der Absurdität, dass deutsche Studenten von Professoren mit прекрасный (großartiger, wundervoller) angeredet worden sind.

Antwortet man aber auf die Frage, woher man komme, mit einem östlichen Land wie China, Vietnam oder Mongolei, dann löst das meistens eher Desinteresse in Russland aus. Die Anrainerstaaten des Asiatischen Kontinents, sind höchstens im McDonald’s Russlands, der Восточная Кухня (Östliche Küche), gerne gesehen. Ansonsten heißt es aber immer: Wir haben zu viele. Überall diese Asiaten. Diese Migranten.

Und was sind Europäer? Entweder keine Migranten? Da legen Russen gerne zwei unterschiedliche Maßstäbe an. Übrigens auch wieder ein deutsches Wort der russischen Sprache. Vielleicht sollten zur Abwechslung ein paar vietnamesische oder usbekische Wörter „entlehnt“ werden? Dann könnte es zu mehr Kontakt zwischen den östlichen Staaten kommen und diese starren Stereotype endlich aufgeweicht werden. Fehlt nur noch ein Peter der Kleine, welcher nicht nur die Öffnung zu Europa, sondern auch die nach Asien Wirklichkeit werden lässt.

 

Über Annette Kammerer

Annette schreibt zur Zeit ihre Bachelorarbeit zur Außen- und Sicherheitspolitik Russlands im Nahen und Mittleren Osten. Sie studiert Internationale Beziehungen in Dresden, hat ein Semester in Tomsk studiert und ein Praktikum in Yekaterinburg beim Auswärtigen Amt absolviert. Sie schreibt derzeit für die ZEIT, Vitamin.de und eine Studierendenzeitung aus Dresden. Im Januar plant Annette eine mehrwöchige Recherchereise nach Russland, um mit dem Verein Perspektiven e.V. die Situation in Heimen für Menschen mit Behinderung zu protokollieren.

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