Hungaricum

SzentOrbántér

Sankt-Orbán Platz in Budapest

„Listen Shitheads“, so beginnt ein Brief des Brüsseler Korrespondenten der regierungsnahen ungarischen Tageszeitung „Magyar Nemzet“ an die Kollegen der Auslandspresse in Ungarn. István Lovas zieht darin so richtig vom Leder. Die ausländischen Korrespondenten in Ungarn hätten die „gigantischen Skandale der Sozialisten“ vergessen zu erwähnen.

Lovas bezieht sich aktuell auf den Streit um ein angeblich gefälschtes Video, das Stimmenkauf in Baja zugunsten der Regierungspartei Fidesz zeigen soll (Cathrin Kahlweit berichtete in der „Süddeutschen Zeitung“ darüber). Derzeit wird geklärt, ob die Sozialisten nicht vielleicht die Auftraggeber des Videos waren. Die Wochenzeitung „HVG“ räumte ein, „voreilig“ gehandelt zu haben, indem sie die Story als “Beweis für Stimmenkauf” zugunsten von Fidesz veröffentlicht hat, Chefredakteur Gábor Gavra nahm seinen Hut.

Der „Magyar-Nemzet-Korrespondent“ kommt jedenfalls in seinem Brief zu dem Schluss: Sicher werde die ausländische Journaille schon bald wieder „Dutzende Artikel über Antisemitismus schreiben und das Verschwimmen von Regierungspartei und Rechtsextremen“. Es folgt noch ein Gruß an die „Arschlöcher“ und die Empfehlung: „Fresst Scheiße als Änderung des Ernährungsplans, der Euch von Euren Verlegern verordnet wurde“. Der Brief ist kein Fake. Er ist echt. Lovas hat gegenüber HIPA, dem ungarischen Verband der Auslandspresse bestätigt, ihn genau so geschrieben zu haben.

Wie verzweifelt man sein, um auf diesem Niveau zu kommunizieren ?

Lovas tut sich übrigens keinen Gefallen mit dem Brief. BBC-Reporter Nick Thorpe, den er lobend erwähnt, wehrt sich in der linken Tageszeitung “Népszava” gegen die Lovas-Lorbeeren: “Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde”. Mit den beschimpften Auslandskorrespondenten zeigte er sich solidarisch.

Im Blog des Investigativportals átlátszó.hu hagelte es derweil hämische Kommentare: Einer fragte, warum Lovas eigentlich im Ausland studiert hat. Diese Sprache hätte er auch zuhause lernen können. Und ein anderer macht ihn darauf aufmerksam, dass in Ungarn gerade wieder eine “Nazi-Partei gegründet wird”. (Von Ex-Jobbik-Leuten, nach dem Vorbild der griechischen “Morgenröte”)

Hier ist der Original-Brief von Lovas veröffentlicht:

http://atlatszo.blog.hu/

Über Stephan Ozsváth

Geboren in Andernach als rheinisch-ungarischer Mestize. Jahrgang 1965. Ausbildung in Berlin, Granada, Debrecen und Madrid. Ausgebildeter NLP-Trainer ("was mit Kommunikation"). Viele Jahre "on air" für Inforadio (Berlin) und Deutschlandradio Kultur. Von 2006 bis 2012 N-Ost-Korrespondent für Ungarn, einer der "Väter" des N-Ost-Radiodienstes. Derzeit Hörfunk-Korrespondent im ARD-Studio Südosteuropa (Wien).

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