Europatag im Bukarester 2. Sektor

Am 9. Mai wird der Europatag gefeiert: Vor knapp 70 Jahren schwiegen die Waffen, ein großer Krieg war zu Ende, die Naziherrschaft endgültig besiegt. Es begann ein goldenes Zeitalter von Frieden und Völkerverständigung, Freiheit und Wohlstand, Wachstum und Sozialstaat, so die Geschichte, die man bis heute gerne mal erzählt – zumindest im Westen. Dass dieser Frieden etwa in dem ehemaligen Jugoslawien oder in den postsowjetischen Ländern unterbrochen wurde, gilt als Zufall. Dass dieser Frieden einen Preis hatte, dass in weiten Teilen Europas lange keine Rede von Freiheit sein konnte, gehört ebenfalls zu den Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Dass selbst nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus und nach dem Ende der Jugoslawienkriege Millionen Europäer mehr Wohlstand, mehr Gerechtigkeit und mehr Sozialstaat in einem anderen Land suchen, wird als überraschend betrachtet. Dass Sparmaßnahmen und Schuldenbremsen die Ungleichheiten in Europa deutlich verstärken, wird ignoriert – oder in Kauf genommen.

Kann Europa noch begeistern oder bewegen, trotz seiner zahlreichen Probleme? Im Bukarester 2. Sektor – ja! Am 9. Mai zeigten Polizei und Gendarmerie dem zahlreichen bunten Publikum, wie man Angriffe auf „wichtige Würdeträger“ vereitelt oder abwehrt. Vertreter der Spezialkräfte erklärten den begeisterten Jugendlichen, dass beim Maschinengewehr ein kleineres Kaliber ausreicht, um den Gegner aus dem Spiel zu bringen. Die Militärkapelle ertönte neben der rumänischen Hymne auch die Ode an die Freude, als Niculai Ontanu, der Bürgermeister des 2. Sektors, neben dem Vikar des orthodoxen Patriarchen strammstand.  Es folgte eine Volkstanznummer, Wählerinnen und Wähler freuten sich über die Anwesenheit des Kommunalpolitikers, und alle ließen sich in feierliche Stimmung versetzen, ganz wie in den 80er Jahren, als Parteiaktivist Ontanu seine Begeisterung über das Regime zeigte. Schließlich sangen Schülerinnen, genau wie damals, patriotische Lieder. Nach den Feierlichkeiten gingen alle in den Park grillen und Bier trinken, was Journalist und Blogger Vlad Petri nicht mehr dokumentierte.

 

 


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