Wahrheit oder Pflicht

Tief in Siebenbürgen, mitten in der malerischen Hügellandschaft um Neumarkt am Mieresch, befinden sich Dörfer, in denen Multikulti Alltag ist. Nur die Wenigsten hier haben schon mal Bukarest gesehen, letztlich liegt Budapest rein geografisch, aber vor allem kulturell näher. Die meisten Dorfbewohner sprechen zu Hause Ungarisch, wenn auch mit einem Akzent, den man über die Grenze eher komisch findet. Auch in der Schule wird generell auf Ungarisch unterrichtet, die reformierten Pfarrer predigen in dieser Sprache, Bürgermeister und Kommunalräte gehören der Partei der ungarischen Minderheit.

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In Székelyvaja („Seklerbutter“) etwa gibt es kaum Rumänen, doch neben der Mehrheitsbevölkerung leben auch Roma. Auch das ist üblich für die ganze Gegend. Die Roma tragen traditionelle Kleidung und sie wachsen dreisprachig auf: Sie kommunizieren untereinander auf Romanes, lernen dann schnell die Sprache der lokalen Mehrheit, denn sie gehen in die ungarische Schule, dazu kommt später auch die Staatssprache, die als Fremdsprache unterrichtet wird. Die Dorfjugend spricht Rumänisch schlechter als die Elterngeneration. Sie haben weniger Kontakt mit Ämtern und Behörden.

In den Mieresch-Dörfern ist sozialer Status ist wichtiger als Rasse und Kultur. Die wichtigste Trennlinie läuft nicht bloß zwischen Arm und Reich, sondern eher zwischen angesehenen, ausgebildeten Bürgern, die gute Beziehungen untereinander pflegen, und denjenigen, die weniger gut integriert sind und am Rande des Dorfs wohnen. Wenn eine Roma-Familie eine Hochzeit feiert, oder wenn sie einen Verstorbenen trauert, werden manchmal auch Ungarn eingeladen. Es ist zwar nicht selbstverständlich, aber es kommt schon vor, wenn die Roma über den entsprechenden Status verfügen. Manche Roma besitzen ihren eigenen Laden oder haben einen wichtigen Beruf. Dann kann man sich als armer Ungar sogar vorstellen, bei den Roma eine Ausbildung oder ein Praktikum zu machen, ohne sich dafür schämen zu müssen.

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Hochzeitsmusik in Székelyvaja

Letztes Wochenende hat ein ungarisches Paar Hochzeit gefeiert. Die Roma waren natürlich für die Musik zuständig, aber einige fanden sich sogar auf der Gästeliste. In einer solchen Situation wird jedoch erwartet, dass sie auf die traditionelle Tracht verzichten und in bürgerlicher, sprich „gadjo“ Kleidung erscheinen. Die armen, nicht so gut integrierten Roma werden nicht eingeladen. Sie müssen sich mit ein paar Kuchen begnügen, die die Mitglieder der „besseren Gesellschaft“ verteilen.

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Doch das Brautpaar, die Trauzeugen und die Hochzeitsgäste müssen von dem Haus der Braut in die Kirche laufen. Hier liegt der Haken, denn der Weg wird mehrmals von armen Roma mit einem einfachen Band gesperrt. Der Bräutigam muss raten, was die Roma unter dem Hut versteckt haben. Kann er nicht raten, so muss er „für die Armen“ – nicht „für die Roma“ – ein paar Euro zahlen und eine Flasche Wein oder Pflaumenschnaps aus dem Korb aufopfern. Beide Parteien verfügen über genug Erfahrung mit diesem Spiel, die Verhandlungen über die Aufhebung der Sperrung sind witzig, aber auch gewitzt. Es geht darum, wie hoch der Beitrag ist, denn am Ende muss der Bräutigam immer zahlen – es ist der Preis der Zweiklassengesellschaft.


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Eine Antwort auf Wahrheit oder Pflicht

  1. Wer es noch nie erlebt hat, wird es auch nie verstehen können. Das Zusammenleben mit den Roma ist eigentlich besser, als man es sich vorstellt und es harmoniert alles. Im Laufe der Zeit wird die Zweiklassengesellschaft ohnehin aufgelöst werden. Es tendiert immer mehr dahin, auch wenn es noch ein weiter Weg ist.

    Danke für den echt tollen Artikel!