Des Krankenhauses neuer Aufzug

Vor einigen Wochen bekam das Krankenhaus in der nordrumänischen Kleinstadt Gura Humorului einen nagelneuen Aufzug. Mit feierlichen Reden, Sektempfang und großem Applaus weihten der Bürgermeister, der Vorsitzende des Kreisrats und der Krankenhausdirektor die „moderne Anlage“ ein. Nicht weniger als vier Abgeordnete fanden während ihres Aufenthalts im Wahlbezirk die Zeit, an der wichtigen Zeremonie teilzunehmen. Und die unabdingbare religiöse Weihung wurde durch drei orthodoxe Priester vorgenommen: Metalltüren und Wände, Anzeigelichter und Knöpfe wurden großzügig mit Weihwasser besprüht noch bevor die Politiker das trikolore Band durchschnitten und die erste festliche Aufzugsfahrt unternahmen.

Kommunalpolitiker und Krankenhausdirektor wollen als erste Aufzug fahren.

Kommunalpolitiker und Krankenhausdirektor wollen als erste Aufzug fahren.

Aufgrund des feierlichen Brimboriums, das allerdings alles Andere als unüblich ist, schaffte es die banale Meldung bin in die Bukarester Medien. Tageszeitungen machten sich über die Kommunalpolitiker und die Kleinstadtelite lustig, Nachrichtensender zogen Vergleiche mit den Zeiten des Staatssozialismus, als die großen Errungenschaften von Volk, Partei und dem beliebten Führer zu jedem auch nur so kleinen Anlass konsequent mit langen Reden, Blumen, Fahnen und großem Applaus gefeiert wurden. Die Bilder von der Einweihung wurden rasch zum Facebook-Renner. Und linksliberale Blogger kritisierten zum wiederholten Male, dass die von Steuergeldern finanzierte Orthodoxe Kirche nicht nur zu einer Art Staatsorgan, sondern auch zu einer Karikatur von sich selbst geworden ist.

Weihwasser an der Aufzugstür

Weihwasser an der Aufzugstür

Natürlich hat die Hauptstadt-Intelligenzija insbesondere mit diesem letzten Punkt völlig recht. Seit nunmehr fast 25 Jahren inszenieren sich meistens bestechliche Geistliche quasi als Teil des Establishments, als eine Art Begleiter der politischen Macht, die sie aber nur kritisieren, wenn sie Schwulen und Lesben ihre Rechte anerkennt – oder aber, wenn sie versucht, die brisanten Akten über die engen Beziehungen zwischen Klerus und dem ehemaligen Geheimpolizei Securitate öffentlich zu machen.

Solange die unangenehmen Geheimnisse unter Verschluss bleiben, fahren die bärtigen Eminenzen sehr gut mit der Politik weiter: Mal eine sichere Stelle als Lehrer für das quasi Pflichtfach Religionsunterricht, mal eine großzügige Spende für die große Kathedrale mitten im Wahlkampf, mal die Erwähnung des Bürgermeisters in der Sonntagspredigt, mal eben ein bisschen Weihwasser an den Aufzugswänden.

Weihungsgebet für den neuen Aufzug

Weihegebet mit Bibellektüre und Spenden von Brot und Wein

Den orthodoxen Funktionären wäre am liebsten, wenn das Land zu jenen Verhältnissen zurückkehren würde, die vor dem Zweiten Krieg herrschten: landwirtschaftlich geprägte Ständegesellschaft, Furcht vor der Obrigkeit, Staatskirche und Vaterland. Insofern stellt die Kirche, wenn Sie nicht korrupt ist, in der Tat eine rückständige Kraft dar, die bereits massiven Schaden angerichtet hat.

Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. In den Berichten der lokalen Medien tauchen Details und Hintergründe auf, die den „Elitenjournalisten“ aus Bukarest entgangen sind und ein ganz anderes Bild zeichnen. Das Krankenhaus in Gura Humorului wurde 2011 beinahe geschlossen. Das wirtschaftsliberale Kabinett des früheren Premiers Emil Boc hatte damals zusammen mit Staatspräsident Basescu und der Delegation des Internationalen Währungsfonds (IWF) beschlossen, als Teil einer langen Liste von drastischen Sparmaßnahmen rund ein Drittel aller Krankenhäuser im Lande zu opfern. Auf einen Schlag sind Dutzende kleinere Städte ohne medizinische Versorgung geblieben.

Für die 12.000 Bürger, die in Gura Humorului leben, für deren Bürgermeister Marius Ursaciuc, sowie für die Einwohner vieler Benachbarten Dörfer, wäre diese Entscheidung einer Katastrophe gleichgekommen. In der letzten Minute konnten sie durch politischen Druck und eine erfolgreiche Unterschriftensammelaktion die Schließung verhindern. Die Modernisierung des Krankenhauses, die schon 2006 angefangen hatte, konnte damit fortgeführt und letzten Monat durch die Inbetriebnahme des neuen Patientenaufzugs abgeschlossen werden. Deshalb, also nicht bloß wegen eines Fahrstuhls haben die Bürger in der kleinen bukowinischen Stadt gefeiert. Doch das interessierte die wichtigen Bukarester Journalisten und Blogger leider nicht. Die wichtigen Bukarester Politiker und Bürokraten waren ja auch wenig an den Auswirkungen der Krankenhausschließung interessiert.


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Eine Antwort auf Des Krankenhauses neuer Aufzug

  1. kone sagt:

    Beeindruckend, wie viel Medienpräsenz der Einbau eines Aufzugs in Rumänien bekommt. Kaum vorstellbar, dass in Deutschland das Thema “Aufzug Eröffnung” so ausführlich in den Medien erscheint.
    Nichts desto trotz, Glückwunsch zum neuen Aufzug :)