Doch nicht vor den Kindern!

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán ist Vater von fünf Kindern. Wohl deshalb reagiert er besonders empfindlich und macht es zur Chefsache, wenn deutsche Kinder zu “Opfern politischer Gehirnwäsche” gemacht werden, wie er es jetzt dem öffentlich-rechtlichen Kinderkanal KIKA vorwirft. Dieser berichtete kürzlich in den “Kindernachrichten” unter dem Titel “Rote Karte für Ungarn” darüber, dass es in Ungarn Probleme mit der Pressefreiheit und der Unabhängigkeit des Verfassungsgerichtes gäbe und die Europäische Union das Land deshalb bestrafen könnte. Seit den ersten ungarischen Medienberichten am Donnerstag und dem Statement von Orbán am Freitag schossen die Klickzahlen auf youtube innerhalb von drei Tagen auf über 100.000.

Mit dem von ihm gewohnten rhetorischen Kniff drehte Orbán den Spieß jedoch um: “In Ungarn wäre das nicht möglich, dass in Kinderprogrammen Lügen und falsche Fakten verbreitet würden. Wenn das im ungarischen Fernsehen geschähe, würden die Verantwortlichen sofort rausfliegen.” Mit letzterem hätte Väterchen Viktor sogar Recht.

Was der deutsche Botschafter in Budapest mit dem offiziellen Beschwerdebrief aus dem ungarischen Außenministerium gemacht hat, ist leider nicht überliefert. Vielleicht hat er dieses tapsig-klecksige Selbstporträt aus dem Orbánschen Kindergarten – wie ein gutmütiger und nachsichtiger Papa – an seine Bürowand gehängt.

Gleich neben das “nationale Gehirnwäschebekenntnis Glaubensbekenntnis”. Das in der neuen ungarischen Verfassung steht.

Oder neben das Bild des Reporters, der in den öffentlich-rechtlichen “Erwachsenen-Nachrichten” von der Oppositionsdemo berichtet. Vor einer leeren Straße. Während einen Block weiter Zehntausende gegen die neue Verfassung demonstrieren.

Oder direkt neben das Portrait des ehemaligen Präsidenten des Verfassungsgerichts. Der das Ende der Gewaltenteilung konstatiert.

Vielleicht aber auch neben die staatlichen Auszeichnungen für TV-Moderatoren, Sänger und Archäologen. Allesamt Nazis.

Gar neben die “Juden Raus!”-Aufkleber, die Budapester Professoren neuerdings von ihren Büroschildern abkratzen. Die ihnen ihre Studenten dort hingeklebt haben.

Studenten, denen in der Schule nie eine demokratischer Bildung “aufgezwungen” wurde, die ihren Namen verdient hätte. (Von wem denn auch?)

Studenten, die massenhaft die Nazi-Partei Jobbik wählen und sich eine Diktatur wünschen.

Studenten also, die als Kinder nie “Opfer politischer Gehirnwäsche” der KIKA-Nachrichten wurden.


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4 Antworten auf Doch nicht vor den Kindern!

  1. Ferdinand Lehner sagt:

    Die armen Ungarn, seit Jahrzehnten waren sie der “Gehirnwäsche” ausgesetzt. die Hortyzeit und der Kommunismus prägten die Bevölkerung.
    Wer damals das Land verlassen konnte, tat es.
    Duldsam sind sie geworden. Mit der Demokratie und Europa haben sie ihre Probleme. Sie sind Führer gewohnt.
    Wunderbar dass jetzt wieder einer für Ungarn sorgt, die Richtung bestimmt.
    Neue Werte braucht das Volk, eine neue Verfassung, viele neue Gesetze,
    viel wird verboten. Wer nicht damit einverstanden ist, wird entlassen oder zahlt Geldbußen. Eljen Magyar!

  2. Was Ungarn da macht ist schon relativ komisch. Orban nimmt ja mittlerweile diktatorische Züge an und gut ist, wenn die EU da ein Auge drauf wirft.

  3. Lieber Christian,

    Du schreibst von 100.000 Klicks, kannst Du mir einen Link schicken ? Ich habe nur Klickzahlen von wenigen Hundert bis nicht mal 3000 gefunden. Aber ich habe gehört, dass es eine ungarische Übersetzung gibt, meinst Du die ?

    Schönen Gruß

    Stephan Ozsváth

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