Aufbruchstimmung

karel for prezidentEine Tragödie!“, smste mir Katka letztes Wochenende, als die Stimmen so gut wie ausgezählt waren und es keinen Zweifel mehr daran gab, wen die Tschechen – erstmals per Direktwahl – zu ihrem neuen Präsidenten gewählt haben. „Ich würde am liebsten emigrieren!“

Dass Milos Zeman die Wahl gewonnen hat, ist nicht nur für meine Freundin eine bittere Ent-Täuschung. Viele, vor allem jüngere Tschechen fühlen sich desillusioniert. Zu groß und, zumindest in Prag, zu greifbar schien die Hoffnung auf einen Neuanfang. Darauf, dass Tschechien nach zehn Jahren Vaclav Klaus mit seinen Hasstiraden gegen die EU und gegen eine engagierte Bürgergesellschaft endlich wieder von einem Politiker repräsentiert wird, für den man sich nicht schämen muss.

Und jetzt also doch Milos Zeman. Eine Rückkehr zum System intransparenter Seilschaften und Korruptionsaffären, das Zeman wie kaum ein anderer Politiker verkörpert. Das Comeback eines Mannes, der sich nicht scheut – das hat der Wahlkampf erneut gezeigt – skrupellos alle Register zu ziehen, um an die Macht zu kommen. Für die EU mag Zeman ein Fortschritt gegenüber Vaclav Klaus sein. Für die politische Kultur in Tschechien ist es ein Schlag ins Gesicht.

Karel Schwarzenberg war weit mehr als der Gegenkandidat von Milos Zeman. Für viele verkörpert er einen Gegenentwurf zur gesamten politischen Elite (auch wenn er als Außenminister Teil von ihr ist). Die gelben Buttons à la Sexpistols, mit einem auf Punk gestylten „Karel“ darauf, die sich etliche Menschen an ihre Jacken hefteten, wurden zum Symbol einer neuen, moralisch integren Politik im Geiste Vaclav Havels. Und zum Symbol einer (Bürger)Gesellschaft, die bereit ist, sich dafür zu engagieren.

Zugegeben: Das mag etwas schematisch nach einem Kampf zwischen Gut und Böse klingen. Wichtig ist aber nicht, wer auf der richtigen Seite steht. Sondern dass diese Auseinandersetzung überhaupt stattgefunden hat.  Endlich einmal wurde Politik in Tschechien richtig zur öffentlichen Angelegenheit. In der Straßenbahn, beim Friseur, in den Klassenzimmern – überall waren die Wahlen das Thema. Keine Spur mehr von der sonst allgegenwärtigen Gleichgültigkeit und Apathie, dem von den Tschechen teilweise bis ins Unerträgliche gepflegten Rückzug ins Private.

Noch nie habe ich hier eine solche Aufbruchstimmung erlebt wie in den letzten Wochen. Auch dafür standen – und stehen – die gelben Buttons. „Man muss weitergehen“ smste Katka mir vorgestern. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Die Wahl von Milos Zeman ist keine Tragödie. Schlimmer wäre es, wenn mit ihr die ganze positive Energie, die in den letzten Wochen entflammt ist, wieder verschwindet, bis zu den nächsten Wahlen. Aber noch sind die gelben Buttons überall zu sehen…

 

 

 

Über Silja Schultheis

Silja Schultheis lebt und arbeitet seit 2001 in Prag, zunächst als Redakteurin beim Tschechischen Rundfunk, jetzt als freie Korrespondentin. Davor Studium der Kulturgeschichte Osteuropas, Polonistik, Geschichte in Marburg, Mainz, Bremen und St. Petersburg. n-ost-Vorstandsmitglied seit 2006.

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Eine Antwort auf Aufbruchstimmung

  1. Freiheit und Gerechtigkeit

    Aus heutiger Sicht ist die monokausale Ursache aller Zivilisationsprobleme, die sich überhaupt thematisieren lassen – bis hin zur gegenwärtigen “Finanzkrise” -, so primitiv und die einzige Lösung in rein technischer Hinsicht so einfach, dass der “Normalbürger” geneigt ist, den “Verantwortlichen” Boshaftigkeit zu unterstellen. Doch das ist ein Irrtum:

    “Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch -, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichts sagende Einzelfälle beiseite geschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht.
    Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.
    …Soviel ist sicher, dass sie (die Dummheit) nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. …Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, dass die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als dass unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen.
    …Dass der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, dass man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen missbraucht, misshandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.”

    Dietrich Bonhoeffer (Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit)

    Um sich in einer seit jeher systemisch unfreien und ungerechten Welt, in der ein nachhaltiges Wirtschaften unmöglich sowie Massenarmut, Umweltzerstörung und Krieg – und letztlich der Untergang der Kultur – prinzipiell unvermeidlich sind, die Illusion von Glück erhalten zu können, muss der Dumme auf die primitiven Kategorien Gut und Böse beschränkt bleiben und darf auf gar keinen Fall wissen, was Freiheit und Gerechtigkeit ist:

    Halbwegs glücklich?