Der Rechtsextreme und seine jüdische Oma

Csanád Szegedi auf einem Veranstaltungsplakat, noch vor seinem Rücktritt

Die britische Komödie „Alles koscher“ handelt vom muslimischen Familienvater Mahmud, der entdeckt, dass er als Kind adoptiert wurde. Eigentlich heißt er Solly Shimshillewitz, wie er herausfindet, denn seine leiblichen Eltern sind Juden. Um seinen Vater zu treffen, der im Sterben liegt, muss Mahmud sich im Schnelldurchlauf jüdische Traditionen aneignen – das führt zu allerhand Verwicklungen.

Manchmal schreibt das Leben noch weitaus verrücktere Drehbücher. Zum Beispiel bei Csanád Szegedi: Der heute 29-jährige Ungar wuchs als Sohn eines volkstümlichen Holzschnitzers auf, machte sich schnell einen Namen in der rechtsextremen Szene des Landes und wurde für die offen antisemitische Jobbik-Partei 2009 ins Europäische Parlament gewählt. Daneben vertrieb er T-Shirts mit rechten Motiven und war Gründer der Jobbik-Parteizeitung „Barikád“, die den Juden unter anderem eine „weltweite Verschwörung“ und „Ritualmorde“ vorwirft.

Vor einigen Wochen dann die Überraschung: Im Gespräch mit Barikád sprach Szegedi das erste Mal von seinen jüdischen Vorfahren. Er tat es nicht ganz freiwillig: Seine Gegner innerhalb der Partei hatten herausgefunden, dass Szegedis Großeltern mütterlicherseits orthodoxe Juden waren. Magdolna Klein, Szegedis Oma, überlebte das NS-Konzentrationslager in Mauthausen. Die heute 93-Jährige hat mit ihren Kindern und Enkeln nie über ihre Herkunft gesprochen.

Im erwähnten Interview mit der Jobbik-Parteizeitung zeigte Szegedi ungewohnte Einsichten. Ungar zu sein bedeute, „für sein Land einzustehen und keine rassische Überlegenheit“, sagte er. Nur wenige Ungarn hätten keine rumänischen, slowakischen, serbischen, deutschen, jüdischen oder bulgarischen Vorfahren. Seine jüdischen Ahnen wären „ganz durchschnittliche Menschen gewesen, mit Berufen wie Schuhmacher, Gutsverwalter oder Müller“.

Seine plötzliche Fähigkeit zur Differenzierung hat Szegedis Position in der rechtsextremen Jobbik nicht gestärkt: Die Parteiführung hat ihn zum Rücktritt von allen Ämtern gedrängt. Offiziell nicht wegen Szegedis jüdischer Herkunft, sondern weil er einem Mann, der ihn damit erpressen wollte, Geld aus EU-Mitteln versprochen hatte. Jetzt ist Szegedi die stellvertretende Parteileitung von Jobbik los. Dafür hat er Zeit für andere Termine: Vergangene Woche hat er sich mit einem orthodoxen Budapester Rabbi getroffen und sich dafür entschuldigt, dass er mit seinen Äußerungen in der Vergangenheit „die jüdische Gemeinde beleidigt haben könnte“. Demnächst will er nach Auschwitz fahren. Das klingt nach dem Drehbuch zu einem neuen Film – ob es ein Drama, eine Tragikomödie oder eine Farce wird, wird die Zukunft zeigen.


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