Alexei Nawalnys “yes we can”-Maschine

In Russland verlaufen die Bruchlinien zwischen der apathischen Mehrheit der Bevölkerung und der Opposition nicht nur entlang der Altersgrenzen. Das Problem des fehlenden Rückhalts in der breiten Bevölkerung ist inzwischen auch den Oppositionellen selbst aufgefallen – der Blogger, Aktivist und Waffenfreund Alexej Nawalny will etwas dagegen tun.

Nicht ganz freiwillig leistete er kürzlich Aufklärungsarbeit bei Mit-Häftlingen, Polizisten und Justizmitarbeitern, als er für 15 Tage wegen angeblichen “Widerstands gegen Staatsmacht” ins Gefängnis musste. “Ich kann ruhigen Gewissens sagen”, schreibt Nawalny in seinem Blog, “dass sie alle auf unserer Seite stehen – nicht weniger, als irgendwelche Moskauer Hipster. Wir müssen nur die richtigen Worte für sie finden.” Zielgruppengerechte Botschaften also.

Nawalny berichtet von OMON-Männern, die in Rage geraten, wenn man ihnen in Einzelheiten die jüngsten Korruptionsskandale erklärt. Und sich so gar nicht über eine 22-Jährige Rubelmilliardärin freuen können, die zufällig Nichte des Gouverneurs der Region Kuban ist. Wenn aber der Polizist mit seinem Knüppel und der Hipster mit seinem iPad einer Meinung sein können, steht einer Massenkampagne nichts im Wege – “bloß keine Faulheit, der Glaube an den Sieg und ein Paar überzeugende Sätze – und der Hass auf Putins ‘Einiges Russland’ nimmt bei jedem Bürger Russlands um 146% zu.”

Sowjetisches Agitationsfahrzeug

Noch ist Nawalnys kleines “Agitations-Fahrzeug”, mashina.org, wie er das Projekt in liebevoll-altbolschewistischer Manier nennt, im Betastadium. Der Aktivist setzt auf  ”billige, effektive Verbreitungswege”, um massenhaft Wirkung zu entfalten. Und natürlich braucht er Freiwillige, wobei Nawalny offen zugibt, dass er keine Ahnung hat, wer diese sein und an welchen Möglichkeiten des Engagements sie interessiert sein könnten. Das Projekt läuft also erst an. Gegenwärtig ist mashina.org nach einer kaum überraschenden DDOS-Attacke deaktiviert.

Man darf gespannt sein, ob Nawalnys internetbasierte Kampagne die gegenseitigen Ressentiments der Moskauer “creative class” und der breiten Bevölkerung überbrücken kann. Wenn die ersten aus der Provinz zugezogenen OMON-Männer sich weigern werden, ihre Knüppel gegen Moskauer Oppositionelle einzusetzen, wissen wir Bescheid.

Über Pavel Lokshin

Flamewar-Analyst und Shitstorm-Meteorologe der russischen Blogosphäre

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