Spione im Schlafzimmer

Eigentlich schenkt man in Osteuropa Blumen zum Frauentag. Khadija Ismayilova aus Baku aber erhielt am 8. März einen Brief – darin eindeutige Fotos aus ihrem Schlafzimmer und die Warnung, sie werde „extrem bloßgestellt“, wenn sie ihre Recherchen über die Auslandsgeschäfte der Präsidentenfamilie nicht augenblicklich einstelle. Doch Ismayilova wäre nicht eine der bekanntesten investigativen Journalistinnen Aserbaidschans, wenn sie dazu geschwiegen hätte.

Noch am selben Tag informierte die international gut vernetzte Reporterin auf ihrem facebook-Konto über die Drohungen. „Ich werde diese Erpressungskampagne aushalten und meine Tätigkeit fortsetzen“, schrieb sie. „Als Journalistin, die ihre Arbeit ernst nimmt, bleibt mir nichts anderes übrig.“ Internationale Menschenrechtsorganisationen versicherten Ismayilova ihrer Unterstützung, Abgeordnete des Europa-Parlaments schickten einen Brief an Präsident Ilham Alijew. Nichtsdestotrotz tauchte wenig später ein Video im Netz auf, dass Ismayilova beim Sex zeigte. Die staatlich gelenkte Presse Aserbaidschans berichtete ausführlich über die Affäre.

Wer heute auf youtube nach dem Video sucht, stößt lediglich auf eine Montage, in der es heißt: „Sie suchen Khadijas Sex-Video? Falsche Adresse! Sagen Sie ‘Nein!’ zu ihren Verfolgern!“ Zahlreiche Journalisten haben in Baku ihre Solidarität mit der Kollegin gezeigt. „Sex nur im Dunkeln und unter der Bettdecke“, raten junge aserbaidschanische Aktivisten inzwischen ganz im Ernst ausländischen Kollegen, die Ende Mai zum Eurovision Song Contest nach Baku kommen. Um unliebsame Berichterstatter zum Schweigen zu bringen, sind intime Fotos ein bestens erprobtes Mittel – nicht nur in Aserbaidschan.

Khadija Ismayilova, die unter anderem durch ihre Sendung bei Radio Free Europe bekannt ist, hat gegen die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte Klage erhoben. Sie denkt nicht ans Aufhören und recherchiert weiter über Menschenrechtsverletzungen, Korruption in der Staatsspitze und die Geschäfte der Präsidententöchter. Am 23. Mai erhält sie den Förderpreis Freie Presse Osteuropas. Das stand fest, lange bevor sie den Überraschungsbrief zum Frauentag bekam.

Über Ulrike Gruska

Ulrike Gruska schreibt Reportagen, Porträts und Analysen aus und über Osteuropa, vor allem aus Russland und dem Südkaukasus. Ihr Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien) unterbrach sie 2000/2001, um für ein Jahr bei deutschsprachigen Zeitungen an der Wolga zu arbeiten. Von 2007 bis 2010 betreute sie als Redakteurin den n-ost Artikeldienst. Nach Stationen in Moskau und Tiflis schreibt sie heute von Berlin aus für Tageszeitungen, Magazine und Buchverlage.

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