Schrill, laut, dagegen: Pussy Riot

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Am spektakulärsten war ihr Auftritt auf dem Roten Platz. In knallbunten Strumpfhosen, mit Häkelmasken auf dem Kopf und der E-Gitarre in der Hand schrien acht Punkfrauen Ende Januar ihre Wut in den Moskauer Himmel: über die Verbrecher hinter den Kremlmauern, den allmächtigen Geheimdienst und den Männerbund der Macht in Staat und Kirche. Die erstaunten Milizionäre brauchten eine Weile, bis sie die Frauen stoppen und das – selbstverständlich nicht angemeldete – Konzert beenden konnten.

Zuvor hatte Pussy Riot, die Band der feministischen Punkerinnen, ihre Protestsongs auf dem Dach eines Trolleybusses gesungen, in der Metro oder vor Nobelboutiquen. Als sich immer deutlicher abzeichnete, dass sich Wladimir Putin am 4. März mit einer sicheren Mehrheit in den Kreml wählen lassen würde, blieb ihnen nur noch zu beten: In der Christ-Erlöser-Kathedrale, der größten Kirche Moskaus, trafen sich Pussy Riot – schrill, bunt und laut wie gewohnt – vor der Ikonenwand und flehten die Gottesmutter an, Russland von Putin zu erlösen.

Der reagierte erwartungsgemäß „negativ“ auf das ungewöhnliche Glaubensbekenntnis, entschuldigte sich bei den Gläubigen und ließ zwei der Punkerinnen verhaften. Am Montag wurden sie wegen einer „groben Verletzung der Gesellschaftsordnung“ angeklagt, ihnen drohen mehrjährige Haftstrafen.

Viel stärker entsetzt als das Punkgebet hat viele Gläubige indes die Art, wie die beiden 22- und 23-jährigen Frauen in Handschellen gefesselt und in einen Käfig eingesperrt vor Gericht vorgeführt wurden. Fast 6000 Menschen forderten Patriarch Kirill in einem Offenen Brief auf, die „Hetzjagd“ auf Pussy Riot zu beenden. Selbst ein Vertreter des Moskauer Patriarchats erklärte, falls die Frauen ein Zeichen von Reue zeigten, sei die Kirche zur Vergebung bereit.

Über Ulrike Gruska

Ulrike Gruska schreibt Reportagen, Porträts und Analysen aus und über Osteuropa, vor allem aus Russland und dem Südkaukasus. Ihr Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien) unterbrach sie 2000/2001, um für ein Jahr bei deutschsprachigen Zeitungen an der Wolga zu arbeiten. Von 2007 bis 2010 betreute sie als Redakteurin den n-ost Artikeldienst. Nach Stationen in Moskau und Tiflis schreibt sie heute von Berlin aus für Tageszeitungen, Magazine und Buchverlage.

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