„Und, was machst du so am Wochenende?“,
„Am Samstag geh’ ich erst auf ein ‚meeting‘, danach in die Kneipe… Mal sehen.“ So ein Dialog war noch vor einem Jahr – und sogar noch vor einem halben – in Russland kaum vorstellbar. Nun ist es Ende Januar, die Temperaturen liegen unter – 15 Grad, die Sonne scheint und die Russen gehen … auf „meetings“. Im Russischen wird eine Protestkundgebung als „meeting“ bezeichnet.
Der Atem dampft aus Mündern und Nasen. Die rund 150 Teilnehmer des „meeting“ am Petersburger Pionierplatz bewegen sich energisch voran mit selbstgebastelten Transparenten, die oft sehr klein und kreativ sind. Die Polizei steht ruhig daneben. Dieses „meeting“, wie alle anderen an diesem Tag, ist genehmigt.
Im Unterschied zu Moskau, wo alle versuchen ein gemeinsames „meeting“ auf einen Ort und eine Zeit festzulegen, finden in St. Petersburg die Kundgebungen der einzelnen Gruppierungen oft unabhängig voneinander an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten statt.
Das Zentrum am Newski-Prospekt dominiert an diesem Tag die offizielle Gedenkveranstaltung an die Blockade: Schauspieler und Sänger in Militäruniformen der 40er Jahre singen Lieder des Zweiten Weltkrieges und verteilen „Kascha“, Brei aus dem Armeekessel.
In den anderen Ecken der Stadt beginnen gegen Mittag die „meetings“ der zersplitterten Opposition: Am Finnischen Bahnhof, wo Lenin 1917 seine Revolutionsrede gehalten hatte und bis heute das berühmteste Lenindenkmal St. Petersburgs steht, versammeln sich die Anhänger der kommunistischen Partei.
Die anderen Linken, eher jung und an der linken Tradition des Westens orientiert, treffen sich etwas später am Pioniersplatz, der in den vergangenen Monaten zu einer Art Hyde Park St. Petersburgs geworden ist. „Meetings“ finden dort seit Dezember fast jedes Wochenende statt. Gegen 15.30 Uhr übernehmen Studenten den Platz. Sie protestieren lautstark gegen Korruption und den niedrigen Standard an Universitäten.
Lange war den Studierenden in Russland Beruf, Karriere und Geldverdienen wichtiger als politische oder zivilgesellschaftliche Fragen. Doch seit 2008 änderte sich das. Der kreative Protest in Moskau und St. Petersburg begann mit alternativen Vorträge und Seminaren auf den Straßen und in Parks, sogenannte Street University.
Pavel Arseniev, Dichter und Kritiker, prägte den beliebtesten Slogan der studentischen Protestbewegung: „Вы нас даже не представляете.“ Ein Wortspiel im Russischen, das sowohl „Ihr könnt uns nicht vertreten“ als auch „Ihr habt gar keine Vorstellung von uns.“ bedeuten kann.
Ein wichtiges Ziel solcher „meetings“: einander kennenzulernen, sich mit anderen auszutauschen, gemeinsam etwas zu bewegen – und zwar von unten und trotz eisiger Temperaturen.
An diesem Samstag sind die Lautsprecher wegen der Kälte ausgefallen, weshalb die Sprecher das altmodische, aber sehr revolutionäre Megafon benutzen – das allerdings auch bald kaputt geht.








