Die Nerz-Konterrevolution von Kaluga

Samstag, 11. Februar, 11 Uhr, der Theaterplatz der 300.000-Einwohner-Stadt Kaluga, 200 Kilometer südwestlich von Moskau. Der Gewerkschaftsverband ruft zur Demonstration “Wir verteidigen Russland” auf. Mitarbeiter der Stadt- und Regionalverwaltung werden zwangsverpflichtet, Arbeiter und Bauern der Fabriken und Kolchosen aus der ganzen Region mit Bussen angekarrt.

Bei minus 20 Grad gelingt es den Veranstaltern, in der Rekordzeit von 19 Minuten jene zu verdammen, die seit Wochen in Moskau gegen Putin demonstrieren, eben jenem das Vertrauen auszusprechen und eine gleichlautende Resolution anzunehmen. Der Applaus der etwa tausend Demonstranten ist müde, aber was will man am Morgen nach dem Freitagabend schon erwarten?

Wie schon auf der Großdemonstration in Moskau auch in Kaluga keine einzige Flagge von “Einiges Russland” oder den Kreml-Jugendorganisationen “Junge Garde” oder “Naschi”. Am Rande der Demonstration ruft ein junger Enthusiast von der “Allrussischen Volksfront” dazu auf, am 23. Februar zur Großdemo auf den Manegenplatz nach Moskau zu kommen. Auf seinem Block haben sich bis zum Ende der Kundgebung ganze acht Willige eingetragen. Freiwillig ist die Konterrevolution offenbar nicht zu haben.

Über Moritz Gathmann

Geboren in Göppingen 1980. Studium der Russistik und Geschichte in Berlin, dann Volontariat beim Tagesspiegel. Dann abgedriftet nach Moskau. Nach eineinhalb Jahren Quälerei in dieser ungemütlichen Stadt ins provinzielle Kaluga umgezogen. Seitdem habe ich Russland besser kennengelernt und schreibe darüber in Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung, Tagesspiegel, 11freunde, Architectural Digest, Spiegel usw. usf.

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