STATUS B. – Halsbrecherische Text-Baustellen

Wenn Sie als Journalist im Nordkaukasus kritisch berichten wollen, schlägt Ihnen der Chefredakteur vor, lieber etwas Positives zu schreiben – um „das Fass nicht zum Überlaufen zu bringen“ (s. Blogeintrag vom 12.12.). Dann bekommen Sie vom Buchhalter der Zeitung einen zerkratzen Fotoapparat, der offensichtlich schon einiges gesehen hat, (es ist der einzige Fotoapparat im Besitz der Redaktion), damit gehen Sie zu irgendeiner Baustelle, fotografieren eine hochkünstlerische Ansammlung frisch gemauerter Ziegelsteine, kehren daraufhin in die Redaktion zurück, geben dem Buchhalter den Fotoapparat zurück, setzen sich hin und schreiben irgendwas im Stil von:

„ Gestern noch gab es an diesem Ort nichts als Luft und Elementarkraft – heute ragt die Spitze eines Baukrans in den hellblauen Himmel sowie eine ebene Reihen von Ziegelsteinen. Dank unserem Präsidenten, der Mittel aus dem Staatshaushalt für die Errichtung dieser Geburtsklinik aufwendet, der besten im gesamten Nordkaukasus (auf der ganzen Welt).“ Im Text sind weiterhin alle denkbaren und undenkbaren guten Taten des Staatschefs auszumalen, und zwar so unaufdringlich wie möglich, und man darf nicht vergessen, die Weisheit und den Scharfblick Putins zu erwähnen, der dem Staat ein solches Oberhaupt schenkt.

Und kommen Sie gar nicht erst auf den Gedanken, hier einen auf Journalismus zu machen und etwa Zweifel an der Qualität der Bauarbeiten zu äußern oder daran, dass die Baufirma über einen einwandfrei ehrlichen Wettbewerb an den Auftrag kam. Wenn Sie sich eine solche Dummheit erlauben, und Ihr Chef sich die noch größere Dummheit erlaubt, diese Dummheit in Druck zu geben, dann haben Sie am nächsten Tag die gesamte Verwandtschaft des Firmendirektors im Büro – von den ergrauten Sippenältesten bis hin zu den aggressiv dreinblickenden Jungen.

„Bist du der Autor dieses Artikels?“, fragen die weisen Sippenältesten und schauen dir voll Verachtung in die Augen. Auf den angespannten Gesichtern der schweigenden Verwandtschaft des Firmendirektors spielen die Backenmuskeln – und in ihren Augen offenbart sich der ungute Wunsch, diesen zeremoniellen Teil des Treffens schnell zu beenden und dir endlich kräftig eins überzuziehen.
„Ich…“. „Du weißt, dass der Direktor dieser Firma zu unserer Familie gehört? Du weißt, dass er seine Brötchen auf ehrliche Art und Weise verdient und du mit deinen Artikeln versuchst, ihm diese Brötchen zu rauben?“
In solchen Minuten muss man schweigen. Versuchen Sie bloß nicht, diesen ehrwürdigen Alten die Feinheiten der Sozialpolitik oder einzelne Paragraphen des Kriminalkodex’ zu erklären.

Das Allerwichtigste für einen Journalisten im Nordkaukasus – dem es fast das Herz zerreißt, der fast explodiert vor Ärger über die schier undurchdringliche Korruption, die gewissenlosen Beamten und Gesetzeshüter, die die bestehende Gesetzenormen einfach nicht beachten – ist: Bloß niemanden kritisieren! Kritisieren darfst du nur dich selbst. Denn an all dem ist nur einer schuld – und das bist du. Du bist schuld an deiner Mutlosigkeit, deiner Untätigkeit, deiner stumpfsinnigen Unterwürfigkeit in diesem trüben, schmutzigen Strom, der dich wohin-auch-immer treibt. Und wenn du in diesem Strom zappelst, dann nicht, um zu schwimmen, sondern um dich irgendwie über Wasser zu halten.
Kritisiere dich selbst. Kritisiere dein junges, dummes Selbst, das so hirnverbrannt ist, im Journalismus gelandet zu sein. Kritisier dich dafür, dass du dir die Probleme nur selber machst – deine etwas verträglicheren Kollegen haben ja Gesundheit und Nerven bewahrt und sogar noch Karriere gemacht. Schließlich genügt es eine einzige Regel zu beachten: Über die Regierung, wie auch über die Toten, darf man nur Gutes sprechen.

Wenn du diese Regel verletzt, dann entlassen sie dich. Wenn du nach der Entlassung einen Ausweg suchst über Kollegen der nationalen Medien oder, Gott bewahre, der Auslandsmedien, dann setze ich auf dein weiteres Schicksal nicht mal eine Zigarettenkippe. Entweder schlagen dich „nicht zu identifizierende Personen“ zum Krüppel, oder dein Familienname taucht auf einer Vermisstenliste auf oder aber sie erschießen dich als einen „mutmaßlichen Militanten“. Du hast kein Format. Du verursachst Unbehagen. Du hast die Goldene Regel verletzt, dich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Du bist ein Dummkopf, der nicht begriffen hat, dass die Mammuts nicht wegen der Eiszeit ausgestorben sind, sondern weil sie zu laut getrötet haben und sich nicht verstecken konnten.

Es ist klar, dass ein junger Journalist, der gerade am Anfang seiner Karriere steht, nach einem halben Jahr schon völlig ausgebrannt ist. Wenn alles, was du über relevante Probleme schreibst – über die Gesetzlosigkeit auf allen Ebenen nämlich – bestenfalls im Papierkorb endet (und schlimmstenfalls in Denunziation bei den „Gesetzeshütern“), wenn du immer wieder abprallst am undurchdringlichen Unwillen der Beamten, irgendetwas an diesem System der Potemkinschen-Dörfer zu ändern, dann musst du entweder wegziehen oder den Journalismus vergessen. Denn ansonsten bleibt dir nur noch übrig, zu einem Süßholz raspelnden Speichellecker zu werden, der all den sozialen und politischen Lastern dient, derer jede Regierung frönt, die die persönliche Bereicherung als oberste Priorität ansieht. Hat ein solches Regime etwa irgendein Interesse an unabhängigen Gerichten oder unabhängigen Massenmedien?

Lesen Sie die Analysen von „Reporter ohne Grenzen“ oder des „CPJ – Comittee to Protect Journalists“ über Meinungsfreiheit in Russland im Allgemeinen und im Nordkaukasus im Besonderen. Lesen Sie von den Verfolgungen und Morden an Journalisten und dann verstehen Sie, was das heißt, ein Journalist im Nordkaukasus zu sein. Was meine eigene Karriere angeht: Ich schreibe ein Buch und da habe ich einiges zu erzählen. Ein Teil davon wurde auf meinem Körper geschrieben – mit Elektroschocks, Stiefeltritten und Schlagstöcken. Der zweite Teil schrieb sich in meine Seele ein als Verlustschmerz und Enttäuschung.

Aus dem Russischen von Tamina Kutscher

Über Gastblogger Ali T.

Ali T. arbeitete als Journalist im Nordkaukasus und recherchierte während des Tschetschenien-Kriegs als Stringer. Derzeit lebt er in Deutschland. Als Gast-Blogger auf blog.ostpol.de gibt Ali T. in regelmäßigen Abständen Einblick in den journalistischen Alltag im Nordkaukasus, seine Situation in Deutschland und das lange Warten auf die Anerkennung des „Status Beschenza“ (Flüchtlingsstatus).

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