4500 Kilometer östlich der Volksbühne

Lenin unter einer Schneehaube, auf der Straße minus 26, Nowosibirsk Ende Januar. Viel Schnee? “Pah”, ruft der Taxifahrer, das ist noch gar nix. An der Garderobe des “Krasny Fakel” hängen die Schapkas in Reih und Glied, heute wird “Maskerade” von Michail Lermontow gespielt, das einzige Stück, das es zu seinen Lebzeiten nicht auf die Bühne schaffte, weil er darin den russischen Adel für seine Spielsucht und Sittenlosigkeit derart in die Pfanne haute, dass dem Zensor wohl bis zu Lermontows Tod im Jahre 1841 die Ohren schlackerten.

Das Theater “Rote Fackel” wurde 1920 in Odessa gegründet, zog aber 1932 aus mir noch unbekannten Gründen nach Nowosibirsk am Fluss Ob.

Heute Hauptstadt Sibiriens, anderthalb Millionen Einwohner und bekannt für die vielen wissenschaftlichen Institute, deren Mitarbeiter das Sozium prägen.

Im jüngst renovierten Saal des ehemaligen Kaufmannsversammlung (Empire-Stil 1914) gehen nun also die Lichter aus, und es folgt einer meiner besten Theaterabende der letzten Jahre.

Rund um ein mehrere Meter hohes Metallgestell spielt sich die Tragödie um den gealterten Spieler Arbenin ab, den die Eifersucht am Ende so weit treibt, dass er seine junge Ehefrau am Ende vergiftet. Untermalt wird das grandiose Spiel der Truppe von derart gekonnten Tanzeinlagen, dass man sich ins Ballett versetzt fühlt. Dazu erklingen Stücke von Tschajkowskij, das tschechische Duo Tara Fuki, den Filmkomponisten Hans Zimmer bis zum modernen estnischen Komponisten Arvo Pärt. Keine Kopulation auf der Bühne, keine Nackigen, keine Fäkalien. Aber mitreißendes Theater.

Wer es in nächster Zeit nach Nowosibirsk schafft – unbedingt einplanen. Ansonsten ist die   Truppe am 28. Januar mit dem wortlosen Stück “Bjes slow” auf dem Festival “Russenko” in Paris zu sehen. Wer es weder hierhin noch dorthin schafft, kann sich hier einen Eindruck verschaffen:

Und wer aus irgendwelchen vermutlich der Gema zu dankenden Copyright-Gründen den Clip nicht anschauen kann, möge ihn hier herunterladen und etwa mit dem vlc mediaplayer anschauen…

youtube.com.Михаил Лермонтов «Маскарад» – YouTube

P.s.: Am Schwarzen Brett des Theaters werden die Schauspieler übrigens freundlich darauf hingewiesen, dass es nun im Haus eine Videothek mit Aufnahmen von Pina Bausch und anderen deutschen Theatern gibt.

Über Moritz Gathmann

Geboren in Göppingen 1980. Studium der Russistik und Geschichte in Berlin, dann Volontariat beim Tagesspiegel. Dann abgedriftet nach Moskau. Nach eineinhalb Jahren Quälerei in dieser ungemütlichen Stadt ins provinzielle Kaluga umgezogen. Seitdem habe ich Russland besser kennengelernt und schreibe darüber in Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung, Tagesspiegel, 11freunde, Architectural Digest, Spiegel usw. usf.

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