STATUS B. – Nackte Frauen im Notizblock

Waren Sie schon mal im Nordkaukasus? Es gibt dort hohe, wunderschöne, raue Berge und nicht weniger raue Gesetze. Ich kann Ihnen sagen, nicht jeder ist für diesen Ort gemacht. Um dort zu überleben, oder gar zu bestehen, braucht man einen sehr starken Charakter – oder überhaupt keinen. Wenn man Journalist ist – und gar Journalist einer staatlichen Zeitung (und andere gib es ganz einfach nicht) – dann kann man in diesen rauen Bergen nur überleben, wenn man sich jedes Charakters entledigt hat.

Wladimir Putin hat irgendwie entschieden, dass es besser ist, ein Staatsoberhaupt zu benennen als es zu wählen. Deswegen werden die Präsidenten der Nordkaukasus-Republiken in Moskau ernannt. Man ruft einen Kandidaten in den Kreml, teilt Zuständigkeiten und Finanzen auf, und verkündet dann beispielsweise den Inguschen, wer ihr neuer Präsident ist. Zurück in Inguschetien ist die erste Amtshandlung des Präsidenten der Kampf gegen die Korruption und die Korruption besiegt ihn sofort.

Das Wichtigste, was der Präsident einer nordkaukasischen Republik wissen und beherrschen muss, ist, dass entlang der Machtvertikale Bestechungs- und Schmiergelder nach oben, und leere Versprechen und schöne Worte nach unten fließen müssen. Falls ein Präsident das aus Versehen mal verwechselt und die leeren Versprechen nach oben schickt, wird er sofort abgesetzt und ein anderer wird ernannt, der besser aufpasst. Der breiten Masse wird suggeriert, dass diese familiären Seilschaften und die Korruption originär kaukasische Krankheiten seien. Eine Art Lokalkolorit sozusagen.

Wie Sie sehen ist es nicht so schwer, Präsident einer Nordkaukasus-Republik zu sein. Journalist zu sein ist auch einfach. Es genügt, sich zwei Mal im Monat auf der Pressekonferenz des Präsidenten blicken zu lassen und mit schlauem Gesichtsausdruck nackte Frauen in den Notizblock zu malen. Mitschreiben muss man nicht, inhaltlich bringt keine Pressekonferenz des Präsidenten etwas anderes als die vorherigen.

In Inguschetien gibt es zwei staatliche Zeitungen, die sich voneinander nur im Titel und im Schrifttyp ihres Logos unterscheiden. Von 1997 bis 2005 hatte ich das Glück bei einer von ihnen, der „Inguschetija“, zu arbeiten. Manchmal, wenn ich eine Frau kennenlernte, schämte ich mich zuzugeben, dass ich als Journalist arbeite. Deswegen behauptete ich, ich würde mit Drogen handeln.

Versetzen Sie sich mal in die Rolle des Journalisten. Sie sitzen im zerschlissen Redaktionsbüro und spielen Patience auf dem redaktionseigenen Pentium 3. In der benachbarten Straße hören sie Maschinengewehrsalven. Aus bitterer Erfahrung können Sie sich denken, dass da gerade ein regulärer Racheakt vorgenommen wird. Warum? Weil es in der jüngsten Geschichte Inguschetiens eine Zeit gab, in der sich jeden Tag solche Vergeltungsschläge ereigneten.

Ich war sogar mal Augenzeuge einer solchen Geschichte. Normalerweise spielt sich das folgendermaßen ab: Sie gehen die Straße entlang, etwa 20 Meter vor ihnen schlendert ein vielleicht 18- oder 20-jähriger junger Mann den Gehsteig entlang, da stoppt mit quietschenden Reifen ein Kleinbus mit getönten Scheiben neben ihm. Aus dem Bus springen mehrere bewaffnete Typen in Kriegsuniformen und mit Gesichtsmasken und eröffnen das Feuer auf den völlig überrumpelten jungen Mann. Sie legen eine Pistole oder Handgranate neben den Ermordeten, fotografieren die Leiche und schon sind sie weg.

Schockiert von dem, was Sie gesehen haben, rennen Sie in die Redaktion, mit zitternden Fingern schreiben Sie einen Text, der aus der Tiefe Ihres Herzens kommt, und gehen mit diesem Artikel zum Chefredakteur. Der Chef liest lange, reibt mit einem Taschentuch lange die Brillengläser, schnäuzt sich in eben jenes Taschentuch, wischt mit dem Taschentusch lange die schweißbedeckte Stirn und erst dann sagt er, bemüht, Ihnen dabei nicht in die Augen zu sehen: „Hör mal, warum tust du dir das an? Die Leute sind eh schon am Rand ihrer Nerven, bring das Fass nicht zum Überlaufen.“
Diesem Menschen kann man nur sehr schwer begreiflich machen, dass das Fass schon gar nicht mehr zum Überlaufen gebracht werden kann. Dass es schon völlig morsch ist und an vielen Stellen undicht, und langsam, langsam sinkt.

Wenn Sie also Maschinengewehrsalven hören, dann hat es keinen Sinn, vom Pentium 3 wegzugehen und zum Ort des Geschehens zu eilen. Dabei wird nur Ihre Psyche traumatisiert durch das Bild von frischvergossenem Blut und der Tatsache, dass Geheimdienste mit regulärer Willkür vorgehen. Wieder zurück, werden Sie lange an den Nägeln kauen, weil Sie eine vollkommene Ohnmacht spüren. Wer weiß, vielleicht erschießen diese „unbestimmten Geheimdienste“ morgen auch dich, fotografieren deine Leiche mit der Pistole daneben und nach einer Woche gibt der örtliche FSB bekannt, dass dieser Tage ein mutmaßlicher Kämpfer ums Leben kam.

Aus dem Russischen von Tamina Kutscher

Über Gastblogger Ali T.

Ali T. arbeitete als Journalist im Nordkaukasus und recherchierte während des Tschetschenien-Kriegs als Stringer. Derzeit lebt er in Deutschland. Als Gast-Blogger auf blog.ostpol.de gibt Ali T. in regelmäßigen Abständen Einblick in den journalistischen Alltag im Nordkaukasus, seine Situation in Deutschland und das lange Warten auf die Anerkennung des „Status Beschenza“ (Flüchtlingsstatus).

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Eine Antwort auf STATUS B. – Nackte Frauen im Notizblock

  1. Franziska sagt:

    Toller, sehr interessanter Artikel!
    Ochen interesnaya statya!

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