Warum Belarus unsexy ist…

…beschreibt das Freie Theater sprachgewaltig und bitterböse in seinem Stück „Minsk 2011“. In Belarus tritt die Gruppe nur im Untergrund auf, beim Edinburgh Theater Festival gewann sie im Sommer mit „Minsk 2011“ den 1. Preis.

Hier eine Kostprobe aus dem Stück, in dem europäische Politiker kaum besser wegkommen als die Mächtigen in Minsk – und bei dessen Schilderung gewalttätig aufgelöster Demonstrationen sich dem Zuhörer die Nackenhaare aufstellen.

Freies Theater Belarus: “Minsk 2011″ – Auszug [Anhören]

“BELARUS IS NOT SEXY. Ein sexy Land hat Öl, Gas, Diamanten, einen Zugang zum Meer, Berge. Belarus ist das einzige Land in Europa, das weder Berge noch Meer hat. Es ist platt. Es zieht niemanden an, nicht einmal die nächsten Nachbarn. […] Die einzige Möglichkeit unseres Landes, auf sich aufmerksam zu machen, ist: sich vor der ganzen Welt auszuziehen.

Oder vielleicht wäre ein Massenmord nicht schlecht. Wie in Ruanda, Libyen, Tibet. Das wäre doch mal nett. Ein Mann bringt seine Kinder um, schneidet sie in Stücke, brät sie und setzt sie seiner Frau zum Essen vor. […] Wenn sie sich weigert, macht er ihr einen Kaiserschnitt, stopft die frisch zerteilten Kinder in ihren Bauch zurück und näht sie wieder zu. Auf so etwas wartet die Welt.

Aber wie und Ruanda gelehrt hat, braucht die Welt, selbst wenn so etwas passiert, mindestens drei Monate, um zu reagieren und die perverse Gewalt zu stoppen. Man stellt sich das Ganze lieber als einen spannenden Film vor [...]. Irgendwann reißt ein europäischer Politiker die Augen vom Bildschirm los, nimmt einen Schluck Whisky und sagt zu seinem Kollegen: „Es ist passiert, wir müssen handeln.“ Dann versammeln sich alle im Sitzungssaal der UN, um das halbwüchsige Mädchen zu reanimieren. Als Zeichen der Dankbarkeit kriegen sie guten Sex in Form von Territorium oder Vermögen. Schließlich sind sie selbst schon lange tot. Nur ein sauberer Leib kann das Sauerstoffkissen sein, das ihnen für einen Augenblick die Lebenslust zurück gibt.

Belarus hat nur seine Menschen. Aber die verkaufen sich schlecht, die sind einfach nicht anziehend genug. In einem geschlossenen Raum zusammen getrieben, bringen sie sich gegenseitig um. […] Die an der Macht sind, unterdrücken die Schwachen und Schutzlosen.

Eine schwarze Masse, Tausende und Abertausende, kreischend, schreiend, mit Schlagstöcken auf Schutzschilder hämmernd. Schwarze Lederhandschuhe mit Metallplatten. Hohe, geschnürte Stiefel, lackierte Helme. Sie springen auf Körper, dass man das Krachen der Knochen hört. Brüllen: „Hure, Schlampe, Tier. Ich erkläre Dir, wozu Stuhlbeine da sind. Die Nazis werden Dir dagegen vorkommen wie Kinder. [...]“

Und dann nehmen sie Deine Fingerabdrücke. Nehmen eine kleine Rolle, tauchen sie langsam in schwarze Farbe und krempeln sich die Ärmel hoch, als wollten sie nicht nur von Deinem Finger einen Abdruck nehmen, sondern von Deinem ganzen Körper. Nehmen jeden Deiner Finger, fahren ihn Glied für Glied entlang. Drücken mit ihren verschwitzten Handflächen darauf und ein Brechreiz würgt Dich ununterbrochen.

Das kannst Du nie wieder abwaschen. Sie haben Dich überrollt. Keiner braucht Dich. Sie klopfen sich auf die Schenkel: Tut ihnen leid, dass es so gelaufen ist. Ist halt so gelaufen, dass Dich keiner schützen konnte. Du bist asexuell, Du kannst keinem mehr was geben außer Deinem halbwüchsigen Körper. Mehr nicht.

Das Mädchen wird erwachsen. Sie versteht, dass sich nicht nur ein aufgeblasener Busen, lange Beine und dicke, rote Lippen verkaufen. Beim Sex verkauft sich Kreativität am besten. Und wenn sie sich an die Gewalt gewöhnt, kommt eine perverse Sado-Masochistin heraus. Sie zwingt die Welt, vor ihr zu erschauern, das Knallen der Peitsche zu hören und zu verstehen: Das Mädchen ist erwachsen geworden!”

Auszug: Freies Theater Belarus „Minsk 2011“ [inoffizielle Übersetzung, gekürzt]

Über Ulrike Gruska

Ulrike Gruska schreibt Reportagen, Porträts und Analysen aus und über Osteuropa, vor allem aus Russland und dem Südkaukasus. Ihr Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien) unterbrach sie 2000/2001, um für ein Jahr bei deutschsprachigen Zeitungen an der Wolga zu arbeiten. Von 2007 bis 2010 betreute sie als Redakteurin den n-ost Artikeldienst. Nach Stationen in Moskau und Tiflis schreibt sie heute von Berlin aus für Tageszeitungen, Magazine und Buchverlage.

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