In Belarus sammelt sich das Volk

Es regnet in Minsk. Doch es ist wohl nicht das schlechte Wetter, was viele Menschen davon abgehalten hat, an diesem Samstag an der Volksversammlung im Park der Völkerfreundschaft teilzunehmen. Es ist die Angst vor Festnahmen und Repressionen. Die Regierung hatte die Protestaktion der Opposition im Vorfeld für illegal erklärt und drohte den Teilnehmern mit Konsequenzen. Trotzdem sind in Minsk einige Hunderte Menschen zu der Veranstaltung gekommen.

„Danke, dass ihr eure Angst überwunden habt. Wir müssen daran arbeiten, dass zu den nächsten Volksversammlungen mehr Menschen kommen“, ruft einer der 13 Organisatoren, Viktar Iwaschkewitsch, ins Megaphon. Die Vertreter der politischen Parteien, der Gewerkschaft und der Bürgerinitiativen fordern von der improvisierten Bühne – dem Sockel einer Statue – Gehaltserhöhungen, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Transparenz bei der Privatisierung und das Ende der Preiserhöhungen. Die Inflationsrate ist seit Anfang des Jahres um mehr als 70 Prozent gestiegen, das Lebensniveau der Bevölkerung in den letzten Monaten zugleich stark gesunken. „Wir fordern die Freilassung der politischen Gefangenen und faire Wahlen“, sagt der Ex-Präsidentschaftskandidat und Schriftsteller, Uladsimir Njakljaeu.

Junge Demonstranten auf der Volksversammlung

Der Platz rund um die Statue ist voll mit schwarzen Regenschirmen. Unter einem Schirm steht eine Gruppe junger Menschen. „Es ist schön, dass auch die älteren Menschen heute gekommen sind“, sagt ein Mann aus der Gruppe. Er habe an den Protesten nach den Präsidentenwahlen am 19. Dezember teilgenommen und sei dafür von der Universität geflogen. „Ich bin hier, weil ich Veränderungen möchte“, sagt eine Frau, die neben der Gruppe steht und an einer Hochschule unterrichtet. Ein paar Tage vor der Volksversammlung habe sie und ihre Kollegen eine Prämie bekommen. „Doch ich brauche diese Bestechungen nicht“, sagt sie und skandiert mit den Anderen: „Freiheit“ und „Es lebe Belarus“.

Demonstrantin mit oppositioneller Flagge

Demonstrantin mit oppositioneller Flagge

Die Polizisten am Rande des Platzes sind zurückhaltend. Dutzende KGB-Mitarbeiter in Zivil mit Kopfhörer im Ohr filmen die ganze Zeit die Protestierenden. „Ich schäme mich für euch“, ruft ihnen eine ältere Frau zu und breitet die mitgebrachte weiß-rot-weiße Flagge aus, die nach der Wende Nationalflagge war und heute von Teilen der Opposition verwendet wird.

Die „Volksversammlungen“ wurden monatelang vorbereitet. Sie sollten eine Antwort auf die Proteste im Sommer werden. Damals wurde den Demonstranten vorgeworfen, sie würden ohne ein konkretes Ziel auf der Straße klatschen. Nun sollten bei den Volksversammlungen konkrete Forderungen gestellt werden. Die Versammlungen fanden gleichzeitig in rund 30 belarussischen Städten statt. In manchen Städten sind allerdings nur ein paar Menschen gekommen. Sowohl in Minsk als auch in den Regionen kam es vor und während der Veranstaltungen zu Festnahmen. Alleine am Samstag sind laut Medienberichten mehr als 20 Aktivisten in verschiedenen Städten verhaftet worden. Bereits im Vorfeld wurde Druck auf die Organisatoren der Volksversammlungen ausgeübt.

So wurde Valerij Uchnalew aus Minsk, einer der Organisatoren, eine Woche vor der Veranstaltung von Männern in Zivil zusammengeschlagen. „Ich hatte damals keine Angst, ich habe sie längst überwunden“, sagt Uchnalew. Sein Ziel sei, dass auch die anderen Menschen ihre Angst überwinden. Er hofft, dass zur nächsten Volksversammlung am 12. November mehr Menschen kommen. „Falls die Regierung auf unsere Forderungen nicht reagiert, werden wir einen Generalstreik beginnen“, sagt der Vertreter der Linkspartei „Gerechte Welt“. Aus seinem Blick spricht Entschlossenheit.

Doch selbst die Organisatoren der Volksversammlung bezweifeln auf ihrer Webseite, dass so ein Streik derzeit realistisch ist.

Über Olga Kapustina

Olga schreibt Artikel und produziert Radio- und TV-Beiträge über Osteuropa, vor allem über Belarus und Russland. Am liebsten schreibt sie über Politik, Bildung, Umwelt, Migration und Kultur. Als Volontärin der Deutschen Welle macht sie seit September 2010 journalistische Stationen in Bonn, Berlin und Moskau. Olga Kapustina spricht Deutsch, Russisch, Belarussisch und Englisch. Sie studierte Journalistik und Germanistik in St. Petersburg, Dortmund und Essen.

Dieser Autor auf www.ostpol.de http://www.kapustina.de

Dieser Beitrag wurde unter
Kreml & Kulturpalast abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Setze einTrackback.

Eine Antwort auf In Belarus sammelt sich das Volk

  1. Pingback: Planwirtschaft statt Marktreformen | ostpol