Die Geschichte tritt aus dem Nebel

Die Kunst ist ein Barometer der Zeit, sagt man. In Tschechien werden jetzt mehr und mehr Filme und Bücher veröffentlicht, die über die komplizierten Beziehungen zwischen den Tschechen und den Deutschen in der Nachkriegszeit sprechen. Ist das ein Zeichen, das jetzt die Zeit einer neuen Generation kommt, die keine Angst hat, die Geschichte mal nicht schwarz-weiß, klischeehaft betrachten?

Ein neuer Film, der von der dunklen Geschichte spricht, ist der Film Alois Nebel (ein Jahr nach dem Film Habermann). Der Name ist ein „Omen“, ein Wortspiel für Tschechen, die Deutsch sprechen. Der ganze Film (eine originelle Kombination eines Spielfilms und eines Komiks) ist ein bisschen verhüllt im Nebel, wie auch die Geschichte der Vertreibungen (oder Aussiedlungen, wie man sie in Tschechien nennt).

Alois Nebel ist ein Lokomotivführer aus Jeseník (früher Frývaldov, noch früher Freiwald). Er ist ein stiller Außenseiter. Manchmal sieht er einen seltsamen Nebel, aus dem Dorothe auftaucht, ein Opfer der gewaltsamen Vertreibung. Zu diesen Erscheinungen kommt bald noch Němý (Stumme – wieder ein Omen, weil auf Tschechisch die Deutschen Němci, die Stummen, genannt werden), der die Grenze überschreitet, um seine Mutter zu rächen. Die Halluzinationen bringen Nebel ins Irrenhaus, er verliert seine Stelle. Eine Weile lebt er in Prag, aber dann entscheidet er sich wieder, in die Berge zurück zu kehren, um seinen Kampf mit den Schatten der Vergangenheit zu beenden.

Wir alle müssen mit unseren Schatten kämpfen. Um sie zu besiegen, müssen wir vergeben und um Vergebung bitten. Wie auch die polnischen Bischöfe 1966 den deutschen Bischöfen geschrieben haben:

„Wir strecken unsere Hände zu Ihnen in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung. Und wenn Sie, die Bischöfe und Konzilsväter, unsere ausgestreckten Hände brüderlich erfassen, dann erst können wir wohl mit ruhigem Gewissen auf ganz christliche Art unser Millenium feiern.“

Manche Tscheche sehen es heute ebenso. Leider gibt es bei uns viel weniger Christen (obwohl viele “Atheisten” zum Christentum positiv gegenüberstehen). Die größte Krise der Kirche gab es bei uns früher als in Westeuropa).

Viele – sowohl Christen als auch Nicht-Christen – fragen sich: Was ist damals passiert? Warum spricht man nicht davon? Warum sind die Grenzregionen so zerfallen? Warum gibt es dort so viele Probleme, so hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität?

Im Jahr 1958 wurde ein Gesetz genehmigt, dass alle Nomaden sesshaft werden müssen. Die einzigen Nomaden in der damaligen Tschechoslowakei waren die Roma: „Im Norden und Westen haben wir viele leere Häuser nach den Deutschen, geht hin!“

1960 – Gesetz über die „Dispersion der Zigeuner“ – in keiner Stadt durfte mehr als 5% der Bevölkerung Roma Leute sein. In der Slowakei gab es viele solcher Städte. „Im Nord- und Westböhmen haben wir viele leere Häuser nach den Deutschen, geht hin!“

Auf Gewalt folgte Gewalt und es war keine Lösung in Sicht. Heute gibt es im Norden wieder Gewalt – Gewalt gegen die Roma und Gewalt der Roma gegen die Mehrheit. Die wirtschaftliche Krise verschlimmert die schon angespannten Beziehungen zusätzlich.

Vergebung und Versöhnung, damit müssen wir beginnen. Der Staat hat vor einer offiziellen Entschuldigung Angst, Angst vor Reparationen. Aber Reparationen wären meiner Meinung nach sinnlos. Das wäre wieder ein Prinzip der kollektiven Schuld: „Ihr alle müsst zahlen, weil ihr Tschechen seid.“

Auf der staatlichen Ebene wird es also noch länger dauern, bis es zu einem Konsens zwischen Tschechien und den Sudetendeutschen kommt. Aber es gibt mehr und mehr Aktivitäten: Bemühungen gemeinsame Aktionen, Renovierungen der Kirchen, Treffen der Landeskinder…

Es scheint mir, dass in Tschechien eine neue Generation zu Wort kommt, die nicht schweigen will. Der Film Alois Nebel ist ein Beispiel dafür. Er ist nicht nur in Tschechien erfolgreich, sondern auch auf den Festivals im Ausland: Venedig und Toronto. Und er wurde auch als der tschechische Vertreter für eine Oscar-Nominierung.

Der Film Alois Nebel: http://www.aloisnebel.com/

Trailer

Versöhnungsinitiativen:

http://www.go-east-mission.net/seiten/de/struktur.php

http://www.ackermann-gemeinde.de/

http://www.bruecke-most-stiftung.de/

http://www.antikomplex.cz/

http://www.fondbudoucnosti.cz/

http://www.spolecnaminulost.cz/

http://domaslav.cz/index.php?sekce=6

http://www.collegiumbohemicum.cz/

Über Vladka Jelinkova

Ich bin eine Journalismus- und Tiermedizinstudentin (Ich weiß, eine sehr sonderbare Kombination. Ich bin sicher die einzige in Tschechien, vielleicht auch in Europa). Ich studierte am Österreichischen Gymnasium in Prag, da began mein Interesse an den deutsch/österreichisch-tschechischen Beziehungen. Anschließend studierte ich noch ein Jahr in den USA, ein Semester in Ljubljana, ein Semester in Paris und ein Semester in Dresden. Und jetzt befinde ich mich wieder zwischen Prag und Brünn.

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