Striptease für die Pressefreiheit

Für das Recht, ohne staatliche Zensur schreiben zu dürfen, greift eine der populärsten Journalistinnen der Oppositionspresse in Kasachstan zu spektakulären Mitteln – sie gibt quasi ihr letztes Hemd für die Pressefreiheit.

 

„Lieber die nackte Wahrheit, als eine hübsche Lüge,“ ist die Botschaft von Guljan Jergaliejewa, zu der sie in einem Video die Hüllen fallen lässt.

Jergalijewa ist eine Ikone der kasachischen Oppositionspresse, und mit dem Striptease wirbt sie für ihr neues Internetportal guljan.org.  Jergalijewa war Jahre lang Chefredakteurin von „Svoboda Slova“ (Freiheit des Wortes), einer der wenigen regimekritischen Zeitungen in Kasachstan, die die letzten Jahre zunehmender Zensur überlebt haben.

Guljan Jergalijewa beim Parteitag der Oppositionspartei Asat-OSDP, die die Zeitung "Svoboda Slova" finanziert

Zu Beginn des Jahres hatte Jergalijewa ihren Job bei „Svoboda Slova“ aufgegeben, nicht, weil man sie gekauft habe, wie spekuliert wurde. Sie habe die Zeitung kurz vor den Präsidentschaftswahlen schützen wollen. „Wenn ich nicht gegangen wäre, dann hätte es Probleme gegeben für die Zeitung. Sie hätten einfach einen Grund gefunden, um ihr zu schaden. Wegen dieser schlechten Perspektive bin ich als Chefredakteurin gegangen.“

Jergalijewas neues journalistisches Projekt ist nun online gegangen, marketingtechnisch gekonnt begleitet von dem – für kasachische Verhältnisse – provokanten Video. Das Portal guljan.org will sich als kritisches Medium in Kasachstan etablieren, im Internet aber auch der Zensur entgehen, der klassische Medien in Kasachstan stärker ausgesetzt sind.

Doch prompt musste die Website die erste Cyber-Attacke überstehen. Im Juli war das Portal durch eine manipulierte Server-Überlastung für eine komplette Woche lahm gelegt. Der Angriff, so vermutet Jergalijewa, wurde von staatlicher Seite initiiert, denn die meisten der Anfragen kamen von der staatlichen Kazakhtelecom, die den Großteil aller Internetanschlüsse in Kasachstan kontrolliert (übrigens auch den, über den dieser Blogeintrag geschrieben wird).

Guljan.org funktioniert wieder, doch es ist nur eine Frage der Zeit, wann es erneut Probleme geben wird. Denn Internetzensur ist auch in Kasachstan ein probates Mittel, um ungeliebte Web-Inhalte unzugänglich zu machen. Extremismus im Internet und Cyber-Kriminalität gelten bei den kasachischen Gesetzgebern als legitime Gründe für Internet-Zensur. Dass dies lediglich ein Vorwand sei, um politisch Andersdenkende zu unterdrücken, streitet man in Astana ab. Doch die Begründung, warum ausgerechnet Blog-Portale wie livejournal.com, blogspot.com, zeitweise auch wordpress.org, und diverse Google-Seiten wie beispielsweise der Web-Cache oder googleusercontent.com gesperrt sind, blieben die Beamten bisher schuldig.

Redaktion von "Respublika" - "Nicht alle lieben, aber alle lesen uns". Unter den Lesern auch Kasachstans Premierminister Karim Massimow und Präsidentenberater Ermuhamet Ertisbajew

Redaktion von "Respublika" - "Nicht alle lieben, aber alle lesen uns". Unter den Lesern auch Kasachstans Premierminister Karim Massimow und Präsidentenberater Ermuhamet Ertisbajew

Verglichen mit Usbekistan, Turkmenistan und China in der Nachbarschaft gilt Kasachstan zwar geradezu als eine Insel der Pressefreiheit. Dennoch hat die kasachische Regierung die Daumenschrauben der staatlichen Zensur in den letzten Jahren immer weiter angezogen.

Betroffen sind vor allem die klassischen Medien. Kritische Fernsehsender gibt es praktisch gar nicht mehr, im Radio laufen nur Musik und staatlich vorgeschriebene Nachrichten. Und die wenigen kritischen Zeitungen müssen mit ständigen Geldbußen, beschlagnahmten Auflagen und der drohenden Schließung leben. So findet die Zeitung „Respublika“ seit mehr als zwei Jahren keine Druckerei mehr, um die Zeitung zu produzieren – die Druckereien werden von oben unter Druck gesetzt. Stattdessen verwandelt sich die „Respublika“-Redaktion jede Nacht vom Donnerstag zum Freitag selbst in eine Druckerei, wo mit gewöhnlichen Bürodruckern und per Hand die neue Ausgabe produziert wird.

Die Redaktion muss "Respublika" selbst drucken und binden - keine Druckerei will mehr für die Oppositionszeitung arbeiten

Die Redaktion muss "Respublika" selbst drucken und binden - keine Druckerei will mehr für die Oppositionszeitung arbeiten

Tatjana Trubachewa, Chefredakteurin von „Respublika“, denkt seit langem darüber nach, komplett ins Internet abzuwandern, denn die Eigenproduktion im Büro ist teuer. Per Facebook und Twitter ist die Redaktion mit ihren Lesern zwar in Kontakt. Doch um die jeweils neuste Ausgabe als PDF herunterzuladen, muss man auf Proxy-Server ausweichen, denn mehrere Domains, die sich „Respublika“ gesichert hat, sind in Kasachstan nicht zu erreichen.

Guljan Jergalijewa, die strippende Chefin von guljan.org, ist dennoch sicher, gewisse Freiheiten zu haben: „Ich persönlich habe immer am Grundsatz der freien Meinungsäußerung, der kreativen Freiheit und der Freiheit von Informationen festgehalten – all das steht in unserer Verfassung. Wenn es keine Hoffnung gäbe, würden wir nicht arbeiten und nicht kämpfen. Es gibt immer Hoffnung.”

Statistik von Adilsoz, der Stiftung zum Schutz der Pressefreiheit in Kasachstan, über Verstöße gegen die Rechte von Journalisten und Medien von Januar bis September 2011

  • Tätliche Angriffe gegen Journalisten und Redaktionen: 7
  • Festnahmen von Medien-Mitarbeitern: 4
  • Drohungen gegen Journalisten: 8
  • Untersagte Auslieferungen und beschlagnahmte Auflagen: 2
  • Blockierung und Beschränkung von Webseiten: 101
  • Behinderung von Journalisten beim Ausüben ihrer Tätigkeit: 20
  • Anzeigen gegen Journalisten und Redaktionen im Rahmen des kasachischen Strafgesetzbuches: 12 wegen Verleumdung, 4 wegen Verstoßes gegen die Steuergesetzgebung
  • Zivilrechtliche Forderungen gegenüber Journalisten und Redaktionen: 54
  • Journalisten und Redaktionen insgesamt auferlegte Schadensersatzsumme 1,84 MioTenge (ca 895.000 Euro)
  • Verbote gegen die Veröffentlichung von im Interesse der Allgemeinheit stehenden Informationen: 225

Über Edda Schlager

Lebt seit 2005 in Almaty in Kasachstan und reist von hier aus regelmäßig in die anderen zentralasiatischen Länder Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Afghanistan. Sie arbeitet als Zentralasien-Korrespondentin für n-ost und regelmäßig als freie Autorin für zahlreiche deutschsprachige Print- und Onlinemedien wie Spiegel Online, Zeit Online, Berliner Zeitung u.a., und für Radiosender, wie Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur oder Deutsche Welle.

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