Eine Mischung aus Wladimir Wyssozki und Jim Morrison

Ein Akkordeonspieler, der seine Lieder mit dem Handy aufnimmt, ist über Youtube zum Star geworden. Er scheint den Russen endlich wieder die musikalische Mixtur zu geben, die sie seit dem Ende der Sowjetunion so schmerzlich vermissen: Musik, Poesie und Patriotismus.

Quelle: Alexey Maishev, Russki Reporter

Wäre er ein Rapper, müsste man Igor Rasterjajew als „real“ bezeichnen, so bleibt nur das leicht ausgelutschte authentisch: Da steht er auf einem großen, abgeernteten Feld mit seinem roten Akkordeon „Tschaika“, seine dunklen Haare wehen im Wind, und mit eindringlicher Stimme und ernstem Gesicht singt er über seine Freunde Wasja und Roma, die sich mit gepanschtem Wodka in den Tod gesoffen haben. Nein, dass er das Dorfleben idealisieren würde, kann man ihm beileibe nicht vorwerfern. Aber von den Städtern hat er auch genug. Bekannt wurde der 31-Jährige mit „Kombajnjory“, den Mähdrescherfahrern, die er in seinem Lied den vollgefressenen Bürorussen aus den Großstädten entgegenstellte.

Eben diese machten ihn aber berühmt: Rasterjajews innige Gesänge über die wahren Russen vom Lande, über die Spezifik der „Russischen Wege“ oder die Kosaken wurden millionenfach geklickt, aktuell steht auf Rasterjajews Tourplan Moskau, Kiew und Kaliningrad. Seine Anhänger stört auch nicht die schnell bekannt gewordene Tatsache, dass Rasterjajew ein Schauspieler aus Sankt Petersburg ist – und nicht in dem Dorf Glinischtsche im Gebiet Wolograd aufgewachsen ist, dessen Lebenswelt er gerne besingt. Aber das Dorf ist Rasterjajews „Kleine Heimat“, wie es auf Russisch heißt: Wann immer möglich, verlässt er die ungemütliche Großstadt und verbringt Zeit mit den echten Menschen, seinen Cousins, Onkeln, Großmüttern und Freunden. Auch viele russische Städter haben noch so eine sehnsuchtsbeladene „Kleine Heimat“, ein kleines Häuschen in einem gottverlassenen Dorf, wo vielleicht noch eine alte Urgroßmutter wohnt. Aber weil Rasterjajew im Gegensatz zu vielen den Faden dorthin nicht hat reißen lassen, verehren sie ihn.

Inzwischen hört man Rasterjajew überall dort, wo ein Junge mit einem Akkordeon eigentlich nicht hinpasst: Im Rockradio „Nasche“ oder auf „Silver Rain“, wo sonst nur angesagte Musik aus den USA und Europa läuft. Der bekannteste russische Musikkritiker Artemij Troizkij überreichte ihm vor kurzem den Musikpreis „Steppenwolf“ und gratulierte von ganzem Herzen. In den letzten zwanzig Jahren hat die russische Musik sich in alle mögliche Richtungen entwickelt: Es gibt russischen Rap, Emo, Chansons, Elektro, Rock sowieso, und natürlich den elenden Pop von Frauen ohne Stimme aber mit offenem Dekolleté. Und hier kommt einer, den alle hören, egal, ob sie sonst in Elektroclubs zappeln oder “Radio Datscha” hören. Die Zeitschrift “Russkij Reporter” nennt Rasterjajew eine Mischung aus Jim Morrison und Wladimir Wyssozkij, dem Poeten mit der Gitarre, der bis zu seinem Tod 1980 so wütend und ehrlich über die sowjetische Realität sang, dass ihm Matrosen, Professoren und Ingenieure gleichermaßen glaubten.

Rasterjajew schreibt einfache, verständliche Poesie, über ernste Themen aber ohne falschen Pathos. Eines seiner stärksten Lieder heißt „Georgijewskaja Lentоtschka“, zu Deutsch Sankt-Georgs-Band. Die orange-schwarzen Bändchen sind seit 2005 alljährlich zum 9. Mai, dem “Tag des Sieges”, überall zu sehen: An Autoantennen, an Schülerrucksäcken, als  Haarschmuck sollen sie an das Kriegsende 1945 erinnern.

In seinem Lied fährt Rasterjajew in einem Vorortzug durch die Wälder um Sankt Petersburg und erblickt gegenüber ein Mädchen mit einem Sankt-Georgs-Band im Haar. Es ist der Anfang einer leidenschaftlichen Klage darüber, wie der Zweite Weltkrieg in Russland für politische Zwecke missbraucht wird. Dabei, singt er, liegen draußen vor dem Fenster die gefallenen Soldaten noch heute, „drei auf einen Quadratmeter“, und warten auf ihre Beerdigung, Und Rasterjajew hört ihre Rufe:

„Grab mich aus, Bruder, ich bin Sanja Werschinin,
5. Granatwerfer-Regiment, aus Rjasan,
viele Geschichten hast Du im Kino über die Soldaten gesehen,
jetzt hör mal meine an, ach, die wird interessanter sein.“

Rasterjajew ist schon der dritte „Youtube-Star“ Russlands: Den Anfang machte vor einigen Jahren Pjotr Nalitsch, dessen Authentizität dann aber spätestens auf der Bühne des Eurovision Song Contest verbrannte. Sein Nachfolger war der junge Wasja Oblomow mit dem Song „Jedu w Magadan“ (Ich fahre nach Magadan), der sich melancholisch-humorvoll in die Herzen des „Runets“, des russischen Internets sang.

Aber Oblomow ist ziemlich böse auf die Realität, in seinem jüngsten Song schimpfte er auf die „trostlose Scheiße“, die ihn umgebe. Rasterjajew ist ein Menschenfreund. „In Russland gibt es keine Provinz“, sagte er jüngst in einem Interview. „Die Menschen sind überall gleich. Gleich gut.“ Darin liegt sein Erfolg begründet.

Über Moritz Gathmann

Geboren in Göppingen 1980. Studium der Russistik und Geschichte in Berlin, dann Volontariat beim Tagesspiegel. Dann abgedriftet nach Moskau. Nach eineinhalb Jahren Quälerei in dieser ungemütlichen Stadt ins provinzielle Kaluga umgezogen. Seitdem habe ich Russland besser kennengelernt und schreibe darüber in Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung, Tagesspiegel, 11freunde, Architectural Digest, Spiegel usw. usf.

Dieser Autor auf www.ostpol.de

Dieser Beitrag wurde unter
Kreml & Kulturpalast abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Setze einTrackback.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.