Verloren im rumänischen Banat

„Du musst es sehen! Das Banat ist einfach toll! Leute sprechen dort Alttschechisch, ackern mit Pferden und Kühen, tragen Trachten. Und wie sie kochen!“, sagten mir meine Freunde enthusiastisch, als wir uns entschieden, vor unserer Rückreise nach Prag noch einen Zwischenhalt im rumänischen Banat zu machen.

Dort, in der Nähe von der serbischen Grenze, gibt es 6 kleine Dörfer – Gerník (Gârnic, Weitzenried), Bígr (Bigăr, Schnellersruhe), Eibentál (Eibenthal), Svatá Helena (Sankt Helene, Sfânta Elena), Rovensko (Ravensca) und Šumice (Şumiţa).
Wie ist es dazu gekommen, dass es im Westen Rumäniens, mehr als 1.000 Kilometer von Prag entfernt, tschechische Dörfer gibt?

In den 1820er, als Tschechien und das Banat Teile der Donaumonarchie Österreich-Ungarn waren, lud ein reicher Unternehmer Magyarly die Tschechen hier einen Wald abzuholzen. Sie kamen auf Holzflößen und Wagen. Für ihre Arbeit bekamen sie ein Stück Land und ein bisschen Holz für ihre Häuser. Vom Militärdienst waren sie befreit. Die ersten zwei Dörfer sind nach Magyarlys Töchtern genannt worden: Sankt Elisabeth und Sankt Helene. Das erste unterging bald dannach, weil es hier wenig Wasser gab, das zweite existiert bis heute. Die “Gastarbeiter” waren bald enttäuscht. Statt dem versprochenen Paradies fanden sie im Banat nur Urwald und Berge. Magyarly verschwand kurz darauf mit dem ganzen Werkzeug.

Gerník hatte zwischen den zwei Weltkriegen knapp 1.500
Einwohner, heute sind es nur 300. Viele kehrten in der Nachkriegszeit nach
Tschechien zurück, andere nach der Wende, als die Bergwerke geschlossen wurden.
Heute noch fehlt hier das Wichtigste – die Arbeit. Doch das tschechische Außenministerium unterstützt den Tourismus und die Unternehmer. Die Zahl der Touristen steigt – letztes Jahr waren es ca. 5000. Man findet fast bei jeder Familie Unterkunft – zu attraktiven Preisen. Und die Kolatsche, die Dalken, Buchtel, Knödeln, das Fleisch und die hausgemachten Milchprodukte sind ein echtes kulinarisches Fest.

Auf dem Dorf gibt es auch ein Festival der tschechischen
Kultur mit abendlichem Tanzprogram in der Kneipe. Eine große Abbildung Švejks
auf der Wand ist ein Muss, und auf der Sonntagsmesse singt man hier alte Lieder:
Im Gegensatz zu Tschechien geht hier fast jeder in die Kirche.

Video über tschechische Dörfer im Banat. Zweiter Teil hier.

Offizielle Webseite des tschechischen Banats.

Über Vladka Jelinkova

Ich bin eine Journalismus- und Tiermedizinstudentin (Ich weiß, eine sehr sonderbare Kombination. Ich bin sicher die einzige in Tschechien, vielleicht auch in Europa). Ich studierte am Österreichischen Gymnasium in Prag, da began mein Interesse an den deutsch/österreichisch-tschechischen Beziehungen. Anschließend studierte ich noch ein Jahr in den USA, ein Semester in Ljubljana, ein Semester in Paris und ein Semester in Dresden. Und jetzt befinde ich mich wieder zwischen Prag und Brünn.

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