Pure Unvernunft

Chatschapuri Adscharuli. Man muss sich diesen Namen mal auf der Zunge zergehen lassen. Chat-scha-puri Ad-scha-ruli. Üppig schmeckt das und nach Überfluss, weich, weiß und grenzenlos.

Genau das ist Chatschapuri Adscharuli, meine georgische Leibspeise: ein barockes Schiff aus Weizenteig, gefüllt mit weißem, salzigen Käse, mit Butter garniert und überbacken, gekrönt von einem Spiegelei. Chatschapuri Adscharuli ist pure Unvernunft. Es ist groß und fettig. Es wirft einen nieder, man schwört sich „Nie mehr!“

Doch es ist mit diesem Chatschapuri wie mit dem Landzipfel, aus dem es stammt: Wer einmal dort war, kommt sicher zurück. In Adscharien, der 3.000 Quadratmeter kleinen Provinz im Südwesten Georgiens, wachsen Wein und Zitronen unter subtropischer Sonne. Feigenbäume und Dattelpalmen säumen die Küstenstraße, das türkisblaue Meer – das eigentlich Schwarzes heißt – lässt die Kiesel am Ufer klickern. Dahinter kräuseln sich Wälder ins Land und die Berge hinauf, bis Schnee deren Gipfel bedeckt.

Zu Sowjetzeiten war Adscharien Sperrgebiet, der feindliche Block lauerte in Gestalt der Türkei gleich hinter der Grenze. Als die Union zerfiel, übernahm Aslan Abaschidse das Zepter. Er löste das eben erst zu demokratischen Rechten gekommene Regionalparlament auf und regierte mit seiner eigenen Miliz, den „Men in Black“, wie ein Mafiapate. In sein Ländchen ließ er nur, wer ihm genehm war. Michail Saakaschwili gehörte offenbar nicht dazu. Im März 2004 wurde der frischgebackene Präsident Georgiens von Abaschidses Milizen an der „Grenze“ gestoppt – und war darüber so erbost, dass er den Provinzfürsten und seine Familie entmachtete.

Das Chatschapuri Adscharuli aber blieb. Es steht auf der Speisekarte jeder noch so kleinen Küche, selbst in den verschlafensten Örtchen Adschariens. Im Laufe der Zeit hat es sich sogar bis in die Hauptstadt verbreitet. Dass man die Restaurants, die originalgetreu Adscharuli zubereiten, in Tiflis suchen muss, macht die opulente Speise nur umso begehrter. Neulich kam eine ausländische Touristin, weder des Georgischen noch des Russischen mächtig, in eine Imbissbude hinter den Schwefelbädern. Sie hielt dem Kellner einen Zettel mit einer krakligen Zeichnung hin, wurde prompt bedient – und schwärmt seither von Chatschapuri Adscharuli.

Über Ulrike Gruska

Ulrike Gruska schreibt Reportagen, Porträts und Analysen aus und über Osteuropa, vor allem aus Russland und dem Südkaukasus. Ihr Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien) unterbrach sie 2000/2001, um für ein Jahr bei deutschsprachigen Zeitungen an der Wolga zu arbeiten. Von 2007 bis 2010 betreute sie als Redakteurin den n-ost Artikeldienst. Nach Stationen in Moskau und Tiflis schreibt sie heute von Berlin aus für Tageszeitungen, Magazine und Buchverlage.

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