Ohne Stempel bist Du niemand

Wenn es nach georgischen Politikern ginge, läge ihr Land mitten im Westen. Weit weg von Russland und überhaupt vom Osten, den Mauern und grimmige Wachposten viel zu lange vom Rest der Welt abschotteten. Deshalb breitet das Land freundlich und unbürokratisch seine Arme aus: EU-Bürger dürfen ohne Visum einreisen und fast ein ganzes Jahr bleiben – neuerdings sogar ganz ohne Reisepass.

Wie bitte? Mit einem schnöden Personalausweis bis in den Kaukasus? Das muss ich probieren.

Flughafen Berlin: Fehlanzeige. „Damit kommen Sie in Georgien nicht rein“, belehrt mich die Kontrolleurin und schiebt den Perso zurück über den Schalter. Ich stammele etwas von Reiseinformation, von offiziell und Auswärtigem Amt, ziehe dann aber doch den Kopf ein und brav meinen Reisepass hervor.

Neuer Versuch nach der Landung in Tiflis. Dort wird mein hellgrünes Plastikkärtchen zwar etwas ratlos hin und her gedreht. Da aber, wenn ich ganz ernst dreinschaue, die automatische Gesichtserkennung funktioniert und ich auch nicht von Interpol gesucht werde, darf ich passieren. Ohne Fragen, ohne Reisepass, ohne Stempel. Einfach so!

In die ungläubige Euphorie – die Grenzen sind offen, Europa wächst zusammen! – schleicht sich nach ein paar Tagen ein düsterer Gedanke. Wie komme ich denn eigentlich wieder heraus? Ohne Stempel, einfach so? An der georgisch-armenischen Grenze, die ich als nächste überqueren will, brauchen Deutsche ein Visum und folglich auch einen Reisepass.

Der georgische Beamte hinterm Schalter streift mich mit eisigem Blick. Er blättert durch meinen Pass, Seite für Seite, 32 Blatt, minutenlang von hinten nach vorn und zurück. Auf welchem Weg ich denn bitte ins Land gekommen bin, wenn es hier keinen Stempel gibt? Die neue Regelung, sage ich, und dass unsere Identity Cards aus Plastik sind, kein Platz für Stempel. Er weiß nichts von neuen Regeln und das strahlende Lächeln, das ich mit einiger Mühe aufsetze, interessiert ihn schon gar nicht. Die georgische Polizei wurde in den vergangenen Jahren effektiv reformiert. Zugedrückte Augen kennt sie nicht mehr und Schmiergeld für kleine Gefälligkeiten schon gar nicht.

Während sich der Kleinbus, mit dem ich bis hierher gekommen bin, langsam in Richtung Armenien entfernt, verwandelt sich mein Lächeln in eine Leidensmiene. Reisen bildet. Lektion dieses Sommers: Keine Experimente! Im Osten nichts Neues, Grenze bleibt Grenze, da verhalte sich jeder wie gewohnt. Alle verfügbaren Dokumente vorzeigen, so viele Stempel wie möglich sammeln – und vor allem: nicht lächeln.

Über Ulrike Gruska

Ulrike Gruska schreibt Reportagen, Porträts und Analysen aus und über Osteuropa, vor allem aus Russland und dem Südkaukasus. Ihr Studium in Hamburg (Politische Wissenschaft und Osteuropastudien) unterbrach sie 2000/2001, um für ein Jahr bei deutschsprachigen Zeitungen an der Wolga zu arbeiten. Von 2007 bis 2010 betreute sie als Redakteurin den n-ost Artikeldienst. Nach Stationen in Moskau und Tiflis schreibt sie heute von Berlin aus für Tageszeitungen, Magazine und Buchverlage.

Dieser Autor auf www.ostpol.de http://www.ulrikegruska.de

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Eine Antwort auf Ohne Stempel bist Du niemand

  1. moritz sagt:

    Gut zu wissen, Ulrike. Danke für das Experiment :)

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